Valkyria Revolution – Geglückter Genrewechsel oder doch Bruchlandung?

Nachdem der 3. Teil der beliebten Valkyria Chronicles-Reihe nur noch in Japan erschien, schafft der jüngst veröffentliche Ableger Valkyria Revolution nun wieder den Sprung in unsere Gefilde. Doch statt Runden-Strategie erwartet uns nun ein waschechtes Action-RPG. Wir zeigen Euch im Test, ob der radikale Genrewechsel geglückt ist oder Sega mit der Umgestaltung eine Bruchlandung hinlegt.

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Der Krieg beginnt

Valkyria Revolution spielt in Jutland, einem kleinen Staat in einem fiktiven Europa des Jahres 1954. Eine Lehrerin und ihr Schüler treffen sich zum 100. Jahrestag der Hinrichtung von fünf Landesverrätern an deren Grab und unterhalten sich, was genau damals passiert ist. Denn es bestehen Zweifel, ob die offizielle Version auch die Wahre ist.

Dieses Ausgangsszenario dient quasi als Hauptmenü. Einzelne Kapitel und Zwischensequenzen des Spiels lassen sich über die Schulbücher des Schülers aufrufen. Das fand sich so ähnlich schon in den Valkyria Chronicles-Teilen und ist sehr stimmungsvoll gemacht. Weitere Parallelen zu den Vorgängern sind der Handlungsort Europa, das Mineral Ragnite als Energiequelle und die namensgebenden Walküren, eine Rasse mit enormen Kampffähigkeiten. Ansonsten erzählt Valkyria Revolution eine komplett neue Geschichte und die ist sogar richtig gut.

Das eigentliche Spiel beschreibt in Rückblenden die Vorgänge rund um die fünf Verräter um das Jahr 1854. Europa befindet sich zu dieser Zeit in der industriellen Revolution. Die Welt ist sehr stimmungsvoll aufgebaut und voller Steampunk-Elemente.

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Hauptfigur der Geschichte ist Amleth, Offizier einer Spezialeinheit des Militärs von Jutland und nachweislich einer der fünf Verräter. Zusammen mit seinen vier Komplizen zieht Amleth im Hintergrund die Fäden, um seine Heimat Jutland gegen das finstere Ruzi-Imperium zu verteidigen. Und zwar recht offensiv, denn zu Beginn der Handlung greift Jutland direkt mal den Nachbarn an.

Doch Amleth und seine Komplizen treibt aufgrund einer traumatischen Kindheitserfahrung vor allem der persönliche Wunsch nach Rache an der Führungsriege des Ruzi-Imperiums an. Sie scheinen seit Jugendtagen befreundet zu sein und jeder von ihnen ist in einer Position, in der er Einfluss auf Politik und Gesellschaft ausüben kann.

Seine Kampfeinheit ahnt zunächst noch nichts von Amleths Beweggründen und folgt ihrem Anführer treu in den Kampf. Allen voran Ophelia, die Prinzessin von Jutland, die eine militärische Ausbildung genoss und sich nun in Zeiten des Konflikts an vorderster Front im Kampf bewähren und für ihr Land einsetzen will. Doch nach einem Alleingang Amleths bei der ersten Schlacht kommen in seinen Kampfgefährten Zweifel auf.

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Die Geschichte ist wirklich interessant und bietet auch einige nette Wendungen. Was hier vor allem gut gefällt ist die Ausgangslage. Amleth ist kein strahlender Held, sondern wird nur vom Wunsch nach Rache und Mord angetrieben. Der ganze Krieg wird letztlich durch den Drang nach Vergeltung von fünf einzelnen Personen angeheizt. Auch wenn die Motive der Figuren hierbei schon nachvollziehbar sind, moralisch bewegt sich jeder Charakter nah am Abgrund. Und das hebt sich angenehm von den Vorgängern ab, in denen zwar auch harte Schicksalsschläge auf die Charaktere warteten, aber die eigene Einheit doch klar auf Seiten der Guten stand. Denn eine klare Linie zwischen Gut und Böse gibt es bei Valkyria Revolution nicht immer.

Ein Faible für Politik, Kriegsstrategien, Intrigen und innerlich zerrissene Charaktere sollte man auf jeden Fall haben. Und Geduld, denn die Zwischensequenzen können durchaus mal einige Zeit in Anspruch nehmen und die Handlung wird sehr gemächlich vorangetrieben.

Das Spiel bietet wahlweise englische oder japanische Sprachausgabe, die Untertitel sind nur in Englisch verfügbar. Aufgrund der Komplexität der Handlungsthematik sind gute Englischkenntnisse eine Grundvoraussetzung. Die englischen Sprecher verrichten durch die Bank einen sehr guten Job.

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Über jeden Zweifel erhaben ist der orchestrale Soundtrack. Der Limited Edition des Spiels liegt eine CD mit 12 ausgewählten Stücken bei. Definitiv hörenswert!

Unter den Charakteren finden sich auch wieder diverse wandelnde Anime-Klischees. Von Selbstzweifeln geplagte, gutherzige Prinzessin? Check! Androgyner, unerfahrener Jüngling? Check! Mysteriöse Frau mit beachtlichem Vorbau? Check! Böser Imperator mit einem geheimen Masterplan? Check!

Typisch für japanische Spiele gibt es auch einige Dinge, die einem zum Kopfschütteln bringen können. So wird Prinzessin Ophelia, die natürlich im weißen Prinzessinnenkleid auf dem Schlachtfeld herumrennt, von ihren Freunden schlicht „Fifi“ gerufen. Natürlich tragen die meisten Kämpfer dann auch Schwerter in die Schlacht, die größer sind als sie selbst. Aber irgendwie lieben wir Spiele aus Japan ja gerade auch wegen solcher Kuriositäten.

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Auf in den Einsatz

Valkyria Revolution ist in zwölf Kapitel unterteilt. Abseits der Hauptmissionen können auch viele optionale Nebenmissionen angenommen werden. Da die Aufteilung der Feinde und die Aufgabenstellung stets variiert, ist zumindest etwas Abwechslung gegeben, trotz der gleichen Locations. Mal muss man ein Gebiet verteidigen, mal Bomben entschärfen.

Im Laufe der Kampagne besucht man Stadt- und Landgebiete oder auch Industriekomplexe. Sonderlich weitläufig fallen diese allerdings nicht aus.

Nett: Für das Erfüllen verschiedener Nebenziele erhält man zusätzliche Rohstoffe, um Ausrüstung anzufertigen. Diese können missionsübergreifend ausgeführt werden und lauten zum Beispiel „Töte zehn Feinde mit dem Gewehr“. Das erledigt sich schön nebenher.

Die Missionen selbst sind meist in wenigen Minuten bewältigt, und obwohl die Ziele variieren, bleibt das Grundprinzip doch stets gleich: Draufhauen!

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Das K(r)ampfsystem

Und damit kommen wir zur größten Schwäche des Spiels: Das Kampfsystem. Valkyria Revolution orientiert sich stark an der Spielmechanik aus Dynasty Warriors. Das heißt: Man rennt meist mit drei KI-Begleitern durch schlauchartige Levels, schlägt dutzende Standardgegner zu Brei, besiegt ab und an einen Zwischenboss und am Ende des Levels dann einen Bossgegner.

Gegner werden mit wiederholtem Druck auf den Angriffsknopf attackiert. Hat man seine paar Schläge ausgeführt muss man kurz warten, bis sich der Ausdauerbalken wieder aufgefüllt hat, bevor man den nächsten Angriff ausführen kann. Das stört den Spielfluss, gerade in einem Action-RPG, ungemein. Auch wenn die Wartezeit zwischen den Angriffen deutlich verkürzt wird, je mehr Gegner man kurz hintereinander ausschaltet. Zudem besitzt jede Figur nur eine einzige Angriffsanimation. Das wird leider mit der Zeit ermüdend.

Man kann zwar munter zwischen den eigenen vier Figuren durchwechseln und diesen auch während des Gefechts Befehle erteilen, allerdings ist Amleth selbst der stärkste Charakter. Ein Wechsel macht meist nur bedingt Sinn. Die Figuren sind in verschiedene Klassen unterteilt, wirkliche Auswirkungen auf das Spiel hat das aber leider nicht. Dafür sind die Unterschiede zu geringfügig.

Rollenspieltypisch ist es möglich vorab Befehlsreihen der Marke „Heile deine Teamkameraden“ oder „Gehe zuerst auf den stärksten Gegner“ festzulegen. Und man kann Gegnern mit Zaubern, Schusswaffen und Granaten einheizen. Hierbei pausiert das Spiel bis zur Ausführung der Aktion. Während die Waffen nur eine begrenzte Anzahl an Munition zur Verfügung haben, benötigen die Zauber genretypisch Mana. Wirklich nutzen muss man dies allerdings kaum, meist reicht einfaches draufhauen.

Apropos Rollenspiel: In der Hauptstadt bietet sich in der schönen Einkaufspromenade die Möglichkeit, Rohstoffe zu erwerben, neue Ausrüstungsgegenstände zu kaufen oder herstellen zu lassen und auch neue Waffen zu entwickeln. Sonderlich komplex wird dieses System allerdings nie, denn es können nur wenige Schusswaffen und Granaten entwickelt werden. Außerdem kann man nur die Rüstung von Amleth verändern, seine Begleiter sind hier nicht aufwertbar.

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Nach jedem Kampf erhält man Erfahrungspunkte. Die Charaktere steigen automatisch im Level auf. Auch erhält man Währung, welche man in besagter Promenade ausgeben kann. Nur ist das alles eigentlich unnötig. Die Schusswaffen benötigt man kaum, da man immer im Nahkampf auf den Gegner trifft. Und durch die Levelaufstiege wird Amleth recht schnell sehr stark, so dass man auch mit der Grundausstattung weit kommen kann.

In den Levels ist es möglich, sich hinter Sandsäcken, an Hausecken oder in hohem Gras zu verstecken. Darauf wird man sogar im Tutorial explizit hingewiesen. Doch auch hier gilt: Das ist komplett unnötig. Denn man muss immer mit dem Gegner in den Nahkampf. Verstecken oder Deckung macht somit wenig Sinn. Schleichen funktioniert kaum und Fernkampf ist auch nahezu unmöglich.

Nettes Detail: Sowohl bei Freund und Feind sind Statusveränderungen möglich, die Feinde werfen dann etwa panisch ihre Waffen weg. Spielerisch bringt das allerdings wenig, da man sie sowieso direkt umnietet. Ob Panik oder nicht ist dabei egal.

Ebenfalls ausbaufähig ist die KI von Freund und Feind. Befehle gegenüber den Kameraden verpuffen meist im nichts. Und die Gegner rennen eigentlich immer herum wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen. Militärische Ordnung sieht anders aus.

Wirklich herausfordernd ist das Spiel nur selten. Auch bei den Bossgegnern benötigt man meist keine besondere Taktik. Da Schusswaffen und Zauber ähnlichen Schaden wie simples Draufhauen verursachen, macht deren Einsatz wenig Sinn. Daher ziehen sich die Kämpfe aufgrund der höheren Lebensenergie der Bossgegner nur unnötig in die Länge.

Meist hat man sowieso mehr mit der Übersicht zu kämpfen als mit den Gegnern. Wenn alle vier eigenen Kämpfer und ein paar Feinde auf dem Bildschirm herumwuseln, jeder Treffer mit Partikeleffekten und Schadenszahlen begleitet wird und nebenbei auch noch Dialoge zur Handlung stattfinden, dann kommt man kaum noch mit dem Spielgeschehen mit. Im normalen Spielbetrieb schwankt Valkyria Revolution leider oftmals zwischen Tristesse und hoffnungslos überladen.

Das Spiel versucht letztlich, zu viele Spielmechaniken unter einen Hut zu bekommen. Hier wäre weniger vielleicht mehr gewesen.

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Malerische Optik mit einem Haken

Wie schon die Hauptableger der Reihe setzt auch Valkyria Revolution auf einen durchaus charmanten Cel-Shading-Look. In seinen besten Momenten, vor allem in den Cutscenes, wirkt das Spiel wie ein Gemälde. Die Grafik ist zwar nicht detailreich, dafür aber stimmungsvoll umgesetzt. Elsinore, die Hauptstadt von Jutland, dient als Ruheplatz zwischen den Missionen und ist richtig schick gemacht. Die meisten anderen Bereiche, wie zum Beispiel die Fabrik für Forschung und Entwicklung, sind ebenso schön in Szene gesetzt. Es gibt aber auch einige Ausrutscher nach unten. So sind manche Konferenzräume schon extrem minimalistisch dargestellt.

Schwach präsentieren sich leider die eigentlichen Kampfgebiete. Die Texturen der Umgebung, vor allem des Bodens, sind größtenteils nur auf Playstation 2-Niveau. Cel-Shading-Look hin oder her, dass das besser geht hat beispielsweise Ni No Kuni bereits bewiesen.

Über allem liegt ein Leinwand-Grafikfilter. Ohne Bewegung auf dem Bildschirm ist das durchaus nett anzusehen. Doch sobald sich die Kamera bewegt, wirkt es, als wäre der Bildschirm von innen beschlagen. Hier wäre ein optionales Abschalten des Filters wünschenswert gewesen. Denn dieser Effekt macht Valkyria Revolution definitiv nicht schöner.

Größter Schwachpunkt der Darstellung sind allerdings die Charaktermodelle. Die Gesichtsanimationen der Anime-Figuren beschränken sich auf Bewegungen der Augen und des Mundes. Ansonsten ist kaum Mimik vorhanden.

Noch schlimmer verhält es sich mit der Gestik in den Zwischensequenzen. Die Charaktere laufen herum wie Roboter. Ist das Gespräch beendet, wird sich auf dem Absatz umgedreht und davon stolziert. Das haben wir sogar auf der Playstation 2 schon deutlich besser gesehen.

Man könnte nun natürlich argumentieren, dass sei Retro, aber in Zeiten eines Uncharted 4 oder Horizon Zero Dawn ist es einfach nur veraltet. Klar, Valkyria Revolution ist auch für die PS Vita entwickelt worden. Aber auf Sony’s kleinem Handheld haben wir auch schon deutlich hübschere Spiele gesehen.

Im Kampf bewegen sich Freund und Feind zwar erheblich flüssiger als in den Cutscenes, aber auch hier gilt: Das geht besser.

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Fazit

Valkyria Revolution hat ein großes Problem: Das Spiel schafft es einfach nicht, die vielen durchaus ambitionierten Ansätze am Ende zu einem guten Gesamtbild zu verbinden. Es ist ein Action-Spiel, aber es ist viel zu gleichförmig und stupide. Es hat viele Rollenspiel-Elemente, aber diese sind eigentlich komplett unnötig, nicht durchdacht und greifen nicht ineinander. Es setzt auf Echtzeitgefechte, ist dabei aber total überladen und unübersichtlich. Alles in allem etwas enttäuschend, hier wäre so viel mehr drin gewesen. Und das ist wirklich sehr schade, denn Potential hat Valkyria Revolution definitiv.

Positiv

  • Sehr gute Geschichte mit interessanter Ausgangslage
  • Netter Grafikstil 
  • Orchestraler Soundtrack 
  • Großer Umfang
  • Ambitioniertes Gameplay

Negativ

  • Technisch veraltet, gerade bei Mimik und Gestik
  • Kampfsystem nicht ausgereift
  • Viele Spielelemente greifen nicht richtig ineinander
  • Extrem gleichförmiger Spielaufbau, daher eintönig
  • Präsentation der Dialoge staubtrocken
68

Geschrieben von: Alex Krause

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Neueste Kommentare

  • Tim-Oliver Siegwart Tim-Oliver Siegwart: Black Flag hat mich von der Story her nicht packen können, hatte mir mehr erwartet und das Gameplay war damals einfach nichts für mich. Ist ja aber immer so, wenn in/an einer Serie was geändert wird, gibt es immer unterschiedliche Meinungen.
  • Daniel Walter Daniel: Ich war immer ein Fan der alten Herangehensweise und vermisse es daher im neuen Teil ein wenig. Trotzdem ist Origins wirklich gut, auch wenn es nicht an meine Favoriten AC 2 und AC Black Flag heranreicht.
  • Tim-Oliver Siegwart Tim-Oliver Siegwart: Die Neuausrichtung gefällt mir sehr gut. Die Architektur ist wunderschön und die Story gut gemacht. Auch die vielen Nebenquests und jetzt mit Level 40 die Community Events sind super. Das ewige geklettere und Dauerblocken aus den Vorgängern war einfach idiotisch, finde das jetzt überzeugender.