Die Zwerge

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Der deutsche Fantasy-Autor Markus Heitz hat mit seinem Roman „Die Zwerge“ einen großen Hit gelandet, dessen Geschichte bereits mit dem fünften Band („Der Triumph der Zwerge“) neue wie alte Fans begeistert. Nun möchte der Spieleentwickler „King Art Games“ eine würdige Portierung der Literaturfassung für PC wie auch gängige Konsolen präsentieren. Im folgenden Test wird geprüft, ob diese Mammutaufgabe den Entwicklern gut gelungen ist.

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Das Böse schläft nicht

Das Spiel „Die Zwerge“ erzählt die Abenteuer des Kleinwüchsigen Tungdil, der als Ziehkind bei einem Magier unter magiebegabten Menschen aufgewachsen ist. Von einem Tag auf den anderen wird der bisher als Schmied arbeitende Protagonist in die große, weite Welt hinausgeschickt, um einen scheinbar simplen Botengang zu erledigen. Genretypisch entpuppt sich die Aufgabe als eine wichtige verdeckte Mission, um der bevorstehenden Gefahr durch die Mächte des Bösen Einhalt zu gebieten. Das Paket, das an einen ehemaligen Schüler des Magiers Lot-Ionan – Tungdils Ziehvater – gebracht werden soll, enthält nämlich Hinweise auf eine mächtige Waffe, die unsterbliche Dämonen bannen kann. Unterwegs hat der noch ahnungslose Held ein unverhofftes erstes Zusammentreffen mit den Orks, das für ihn beinahe tödlich geendet hätte, wenn nicht zwei weitere, wackere Zwerge ihn aus dem Schlamassel frei gehauen hätten. So trifft Tungdil seine ersten beiden treuesten Mitstreiter, die ihn fast bis zum Schluss seiner Queste begleiten.

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Den Rest der Story zu erzählen, würde viel zu viel verraten, denn das Spiel hält sich erfreulicherweise sehr nahe an die Buchvorlage. Das Universum des Romans bedient sich vieler Elemente, die in Tolkiens „Herr der Ringe“ wiederzufinden sind. Allerdings orientiert sich nahezu jeder Fantasy-Roman an dieser monumentalen Vorlage und lediglich die Details heben gute Autoren von den schlechten ab. Obwohl die Abenteuer von Tungdil Goldhand, wie er später genannt werden wird, eine klassische Jagd nach einem MacGuffin darstellen, hat Markus Heitz eine spannende Welt kreiert, in der zum Beispiel sogar Untote existieren und gute wie böse Charaktere nicht gleich in ihrer Natur erkennbar sind. Das Spiel „Die Zwerge“ vermittelt gut die Informationen des Literaturwerkes in komprimierter Form, setzt aber gleichzeitig ziemlich viel Vorwissen voraus – mindestens in Sachen „Herr der Ringe“.

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Nimm meine Axt!

Wenn man das Spielgenre des Titels „Die Zwerge“ benennen müsste, so wäre die Bezeichnung Echtzeit-Strategie-Rollenspiel zutreffend. Eine einfache Landkarte mit Wegpunkten dokumentiert die Fortbewegung von Tungdils Kampftruppe und ermöglicht Interaktionen mit Gasthäusern oder Städten. Hier trifft man gelegentlich auf Händler, die Tränke und nützliche Ausrüstung gegen Bares feilbieten. Wer jedoch ein umfangreiches Inventar erwartet, das sonst typisch für Rollenspiele ist, wird enttäuscht, denn bei den Items handelt es sich vielmehr um temporäre, aktivierbare Verstärkungen zum Einsatz in Gefechten, die mehr Lebenspunkte, Schlagkraft oder Heilungsrate bescheren. Arsenal oder Rüstungen fehlen gänzlich.

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Die meisten Interaktionen oder Entscheidungen laufen in der Spielwelt über Auswahl von passenden Optionen in Textboxen ab. Im Gegensatz zu anderen namhaften Rollenspieltiteln haben Taten des Protagonisten weitreichende Auswirkungen auf das weitere Spielgeschehen. Im schlimmsten Fall kann eine Fehlentscheidung sogar zum vorzeitigen Tod des Helden führen und nur das Laden eines früheren Spielstandes macht den Fauxpas rückgängig. Zum Glück speichert das Spiel selbst ziemlich oft an sinnvollen Stellen und zusätzlich können jederzeit auf der Hauptkarte neue Spielstände angelegt werden. Es darf also ruhig herumexperimentiert werden, welche Folgen die Entwickler bei einigen Schlüsselmomenten der Geschichte vorgesehen haben. Wohl dem, der zuerst das zugehörige Buch gelesen hat!

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In einigen seltenen Fällen darf der Spieler die zuvor genannten Rollenspielaspekte wie Erkundung der Umgebung oder Gespräche mit Charakteren auf einer 3D-Karte ausführen. Der Protagonist Tungdil wird dabei mit dem PS4 Controller frei gesteuert, wobei die Level so gestaltet sind, dass trotzdem keine totale Bewegungsfreiheit vorherrscht. Berge, Mauern oder schlichtweg Wachpersonal grenzen die jeweilige 3D-Karte ein. Auf Knopfdruck werden alle Objekte hervorgehoben, mit denen man interagieren kann und auch sollte, denn jede erfolgreiche Untersuchung – sei sie auch noch so trivial – beschert Erfahrungspunkte. Sind genug Punkte gesammelt worden, steigen Held und Kompanie in ihrer jeweiligen Stufe auf. Damit verbunden sind natürlich mehr Lebenspunkte und die Freischaltung besonders schlagkräftiger Fähigkeiten, die im Kampf zum Einsatz kommen.

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Das Lösen von Rätseln oder Kommunizieren mit NPCs dienen jedoch lediglich dazu, eine Geschichte sinnvoll erzählen zu können. Dementsprechend wenig Erfahrung kann man dadurch sammeln. Viel besser ist es, sich ins nächste Gefecht zu stürzen, das in Echtzeit ausgefochten wird. Die Schlacht beginnt damit, dass zunächst zusätzlich zum Helden bis zu drei weitere kontrollierbare Mitstreiter ausgewählt werden und anschließend jeder im Team mit dem jeweiligen Boost-Item ausgestattet wird. Darüber hinaus aktiviert man drei Spezialfähigkeiten, sofern diese freigeschaltet sind, um sich damit in der Hitze des Gefechts Freiraum zu verschaffen. Sobald alles nach Wunsch eingestellt ist, beginnt die eigentliche Schlacht auf Knopfdruck. Mit etwas Glück stehen zu Kampfbeginn sogar computergesteuerte Unterstützungstruppen zur Verfügung.

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Die meisten Geplänkel laufen nach einem ähnlichen Schema ab: Die Angreifer stürmen auf die Heldentruppe zu, versuchen diese mit schierer Überzahl an Gegnern zu überwältigen und werden Dank der Sonderfähigkeiten schließlich geschlagen. Von Rundumschlägen, Sprungangriffen oder heftigen Hieben, die mehrere Kämpfer, zu denen leider auch die eigenen zählen, treffen können, ist beinahe alles im Repertoire der Zwerge oder ihrer Gefährten vertreten. Außerdem besitzen die „Guten“ jeweils eine passive Eigenschaft, die ihnen einen einzigartigen Vorteil beschert. Tungdils treuer Kampfbegleiter Boïndil verfällt zum Beispiel bei niedrigem Lebensbalken in Raserei und teilt massenhaft Schaden aus, während er durch den Spieler nicht mehr kontrollierbar ist. Wenn eigene Truppen nicht in der Nähe sind, kann das durchaus ein Vorteil sein.

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Wer jedoch meint, dass die Schlachten selbst auf der einfachsten Schwierigkeitsstufe, keine Herausforderung bieten, irrt sich gewaltig. In den meisten Fällen hat der Feind unbegrenzten Nachschub an Orks, sodass der stete Tropfen doch noch den Stein aushöhlt, aus dem die Zwerge zu bestehen glauben. Man hat nur eine Chance, die Schlacht für sich zu entscheiden, indem man die vorgesetzten Missionsziele erfüllt. Im einfachsten Fall muss eine Sicherheitszone am anderen Kartenende erreicht und von Gegnern befreit werden. Andere Aufträge erfordern, dass Generäle des Feindes, die oft durch die finsteren Albae personifiziert werden, erledigt werden. Diese sind natürlich ihrerseits nicht blöd und flitzen quer durch das Schlachtgetümmel, sodass es richtig schwer wird, sie in die Enge zu treiben. Gut, dass das Spiel immer pausiert werden kann und die Kämpen immerzu neue Befehle erhalten dürfen. Diese Mechanik nimmt der Echtzeit-Thematik wiederum ihre übertriebene Schärfe.

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Natürlich gehen die Kämpfe an den Helden nicht spurlos vorüber. Abgesehen von den Erfahrungspunkten werden diese nämlich oft mit dem Statuseffekt „verletzt“ belegt. Pro Verletzung wird ein gewisser Anteil an Lebenspunkten schon zu Beginn des nächsten Kampfes abgezogen. Wenn man dann irgendwann nur mit zehn Prozent seiner Ausdauer einer Orkhorde gegenübersteht, wird es schwierig, diese Herausforderung zu meistern. Zwar füllt sich der Lebensbalken wieder komplett auf, wenn keine Schläge auf die Protagonisten einprasseln. Praktisch kommt dies aber im Gefecht fast nie vor. Ein weiterer Rollenspielaspekt in „Die Zwerge“ bietet die Lösung für dieses Dilemma. Wenn die Truppe Proviant erwirbt und diesen automatisch beim Reisen auf der Karte verzehrt, wird pro Tag eine Wunde an jedem Charakter geheilt.

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Obwohl „Die Zwerge“ mit dem Dreigespann aus Rollenspiel, Echtzeitaction sowie Strategie einen verdammt guten Start hinlegt, wird es im weiteren Spielverlauf ziemlich eintönig. Die Missionen wiederholen sich, während die Randbedingungen für die Heldentruppe zunehmend weiter ungünstig gestaltet werden, damit deren unvermeidlicher Levelaufstieg bis zur höchsten, zehnten Stufe nicht zur totalen Übermacht führt. Selbst wenn Ladebildschirme – von denen es übrigens jede Menge gibt – darauf hinweisen, dass Feinde mithilfe der Umgebung wie Feuer oder Klippenabhängen noch effektvoller sowie schneller aus dem Weg geräumt werden können, nutzt man diese Möglichkeiten kaum. Lediglich die Spielesequenzen an Schlüsselstellen der Hintergrundgeschichte bieten Abwechslung, weil sie die Handlung weiter vorantreiben.

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Was sieht dein Elbenauge?

Die optische Präsentation des Titels ist akzeptabel, denn diese ist alles andere als zeitgemäß – oder besser hardwaregemäß. Trotz der langen Ladezeiten enthüllt sich dem Spieler auf den 3D-Karten eine ziemlich kantige Umgebung mit rudimentären Licht- wie Schatteneffekten. Das Leveldesign ist schlauchartig; Abwege, auf denen man sich verirren kann, gibt es nicht. Die Feinde bestehen aus wenigen Einheitentypen, die nicht individualisiert sind. Umso schöner sind dafür die Helden dargestellt, die ziemlich nahe an die Beschreibungen im Buch heranreichen. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Charaktere wie aus Teflon frei von jeglichem Blut und Schmutz aus einem Gefecht hervorgehen. Das haben andere Spiele schon besser hinbekommen. Ein gutes Trostpflaster sind die animierten Zwischensequenzen, die die spannende Hintergrundgeschichte interessant erzählen.

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Geräusche aus den Tiefen

Soundtechnisch hat das Spiel viel mehr auf dem Kasten als optisch. Ein sehr guter Erzähler führt den Spieler durch die Details der Hintergrundgeschichte und liest während der Interaktionen die meisten Textboxen laut vor. Die Synchronsprecher führen ihre Aufgabe sehr gut aus, sodass der Eindruck entsteht, man hätte ein interaktives Hörspiel vor sich. Die Geräuschkulisse ist zwar zugegebenermaßen etwas eingeschränkt, da man im Gefecht irgendwann nur noch das Grunzen der zahlreichen Orks hört. Gelegentlich verursachte der Kampflärm auch einen technischen Fehler, bei dem kurzzeitig sämtlicher Ton weggefallen ist. Zusätzlich stürzte das Spiel von Anfang bis Ende von Tungdils Abenteuer nur drei Mal auf der PS4 Pro mit einer Fehlermeldung und Bitte um Versand eines Fehlerberichtes ab. Eine gute Bilanz für einen Quasi-Indie-Titel, der über Kickstarter finanziert worden ist. Namhafte Firmen haben das schon mit viel mehr Geld viel schlechter hinbekommen.

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Fazit

„Die Zwerge“ ist für mich eine persönliche Überraschung gewesen, denn obwohl ich die Bücher von Markus Heitz gelesen habe, ist die Entwicklung eines Spiels zu diesem Thema an mir spurlos vorübergegangen. Ich hatte beim Testen sehr viele Wiedererkennungsmomente und finde die Portierung des Werkes sehr gut gelungen, auch wenn viele Details verbessert werden könnten. Als eingefleischter Rollenspieler hätte ich mir natürlich mehr Fokus auf diesen Spielteil gewünscht, doch dann wäre es vermutlich ein weiteres „Divinity: Original Sin“ geworden. Die optische Präsentation lässt zwar zu wünschen übrig, aber umso besser ist die hervorragende Arbeit der deutschen Synchronsprecher – andere habe ich mir nicht angehört. Zusammen mit dem Kampfpreis von vierzig Euro kann man sich das Spiel leisten, um ein paar unterhaltsame Abende damit zu verbringen und womöglich wieder Lust auf die Originalbücher zu bekommen.

Positiv

  • nahe an der Buchvorlage
  • schönes Charakterdesign
  • sehr gute, deutsche Synchronsprecher
  • guter Genremix

Negativ

  • rudimentäre, nicht-zeitgemäße Grafik
  • kleine technische Fehler mit Soundproblemen
  • auf Dauer eintönige Gefechte
  • geringer Spielumfang
81

Geschrieben von: Witali Blum

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Neueste Kommentare

  • Christian: Lässt noch nicht viele Schlüsse zu, aber eine leere, etwas heruntergekommene Stadt mit deutlichen Zeichen der Verwüstung... Das spricht vielleicht für ein Zombie-Setting oder ähnliches. Kann ich mir aber auf der anderen Seite nicht vorstellen, da das Thema mit Metro, H1Z1 Just Survive, The Division & Co. schon ziemlich ausgelutscht ist. Denkbar wäre auch ein Post-Apokalyptisches-Szenario wie in der Fallout-Reihe. Das wären allerdings ziemlich große Fußstapfen. Aber vielleicht überrascht Bandai auch mit einer ganz neuen Idee? Verlassene Städte haben ja erstmal immer einen gewissen Reiz und bieten viel Raum für Geschichten und laden zum erkunden ein. Ich bin gespannt.
  • BASSTRO: Hallo Was bedeutet transparenter Held automatischer klicke?
  • Trixchiller: Wie stirbt denn ein Söldner? ...und wie kann man das verhindern? Ps. super guide!!