Vikings – Wolves of Midgard

Inzwischen gibt es zahlreiche Hack’n’Slash-Rollenspiele, die die Wartezeit auf den vierten Teil der Diablo-Reihe verkürzen wollen. Doch nur wenige davon haben das besondere Extra, das sie von der breiten Masse abhebt. Vikings – Wolves of Midgard möchte einen Angriff auf diesen generischen Rollenspielmarkt starten. Lesen Sie im folgenden Test, ob der Titel das Zeug dazu hat, auch längerfristig im Gedächtnis zu bleiben oder womöglich in der breiten Masse ähnlicher Erzeugnisse untergehen wird.

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Asgard

In Vikings – Wolves of Midgard steuert man das Geschick eines Vikinger-Häuptlings (oder Hauptfrau – weitere Geschlechtsformen werden aus Gründen der Textvereinfachung ignoriert), der seinen Clan vor dem sicheren Verderben retten soll. Niemand geringerer als die Frostriesen aus Nilfheim haben auf einem Raubzug das Dorf Ulfgar überrannt und dessen Bewohner einem qualvollen Tod durch niedere Kobolde, den sogenannten Tomten, überlassen. Nur mit geballter Kampfkraft, die der Protagonist glücklicherweise in großem Überschuss zur Verfügung hat, kann die Heimstatt von den Invasoren befreit werden. Damit ist die Gefahr durch die Jötunn noch nicht endgültig gebannt, denn die Ungetüme folgten einem Plan, dessen Inhalt erst ergründet werden muss. Allerdings ist Rache allein schon Grund genug, um den Häuptling auf eine gefährliche Hetzjagd durch die unterschiedlichen Ebenen des Weltbaumes zu schicken.

Natürlich darf das neue Clanoberhaupt nicht seine Pflichten gegenüber seinen Untergebenen vernachlässigen. In der Nachbarschaft hat sich beispielsweise ein Frostgeist angesiedelt, der das Jagen in den umliegenden Wäldern unmöglich macht. Da das Geschöpf nicht freiwillig von dannen zieht, muss der Häuptling auf schlagfertige Verhandlungstaktiken zurückgreifen und so das Überleben des Dorfes mit seinen Mitbewohnern sichern. Ebenso wollen Holz oder Eisen zum Bauen von Waffen wie auch Werkstätten gesammelt werden. Nur komisch, dass diese niederen Aufgaben ebenfalls dem Anführer zufallen. Umso mehr freut man sich über den passenden Kommentar des Protagonisten während einer Missionsbesprechung mit seinen Getreuen: „Warum bin ich eigentlich immer derjenige, der was tun muss?“. Doch die Frage ist durchaus berechtigt. Warum können die Dorfbewohner und Vasallen anderer untergebener Clans keine Rohstoffe sammeln oder Tribute zahlen, wie es bei den Wikingern eigentlich üblich war, während ihr Häuptling im Alleingang die Welt retten soll?

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Die Hintergrundgeschichte von Vikings – Wolves of Midgard ist sehr stark an das nordische Epos Edda angelehnt, denn sehr viele Sagengestalten, Götter und Monster des Spiels scheinen aus dieser Mythologie zu stammen. Mindestens die Namen der Wesen sind dem großen Werk entnommen, während die Zeichner passende Charaktere dazu beigesteuert haben. Kenner des Originaltextes sollten jedoch nicht allzu genau hinschauen, weil die Entwickler vielmehr eine neue, unterhaltsame Geschichte erzählen wollten als die Charaktere exakt zuzuordnen. Der Oberbösewicht, ein Frostriese, heißt zum Beispiel Grimnir. Ein Name der sonst eigentlich einer Gestalt von Odin zugeordnet wird. Trotzdem freut sich jeder Anhänger von Mythen und Sagen über den Wiedererkennungswert, den Kalypso seinem Titel einverleiben möchte.

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Midgard

Der Spieler erstellt zu Beginn seinen menschlichen Helden und lenkt dessen Geschick entweder mit der Maus-Tastatur-Kombination oder einem Xbox-Kontroller. Praktischerweise wird je nach Steuergerät ein anderes Overlay zur Orientierung eingeblendet, sodass eine Einführung schon beinahe unnötig wird. Ähnlich wie in Titan Quest wird auf Knopfdruck ein Standardangriff ausgelöst, während andere Tasten besondere Fähigkeiten mit anschließender Abklingzeit aktivieren. Neben normalem Laufen beherrscht der Held ebenso die Ausweichrolle, die ihn vor vielen gewaltigen Hieben seitens der Feinde in Sicherheit bringt. Oft unterschätzt, ist diese Technik vor allem im Endgame-Teil des Spiels schon fast überlebenswichtig. Natürlich braucht der Held auch sein eigenes Können nicht unter den Scheffel zu stellen, denn dessen Kampftechniken hauen ebenfalls ordentlich rein. Egal ob einzelne robuste Ungetüme oder Gegnerscharen – gegen jedes Übel gibt es die passende Attacke. Die einzige Schwierigkeit besteht bloß darin, die Abklingzeit zu überbrücken, ehe man dem nächsten Gegner zu Leibe rücken kann.

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Bei jedem erfolgreichen Schlag gegen seine Feinde füllt sich der Wutbalken des Helden in Kreisform, während untätiges Abwarten denselben wieder abnehmen lässt. Sobald der komplette Wutring gefüllt ist, kann bei Bedarf der Wutmodus aktiviert werden, bei dem die Zeit langsamer läuft und der Protagonisten kräftiger Schaden austeilt, während die angesammelte Wut verbraucht wird Der Clou dabei ist die Tatsache, dass ein bereits gefüllter Wutbalken nicht mehr abnimmt und daher auch für herausfordernde Bosskämpfe aufgespart werden kann. Außerdem reduziert sich der Wutverbrauch im aktiven Modus, wenn weiterhin Feinde vermöbelt werden. Ein geschicktes Agieren, indem man von einer Gegnergruppe zur nächsten springt, verlängert also quasi den Wutmodus.

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Natürlich stehen nicht alle besonderen Fähigkeiten sofort zur Verfügung, denn schließlich handelt es sich bei Vikings – Wolves of Midgard immer noch um ein Rollenspiel. Jeder erlegte Feind – sogar Krähen – hinterlässt einen Blutklumpen, den der Hauptcharakter durch drüber laufen einsammelt. Der angesammelte Blutpool wird wiederum verwendet, um einem Gott an einem Altar ein Opfer darzubringen. Thor, Odin, Tyr, Loki und Skathi sind die möglichen Schutzpatronen der Ulfgard, die gleichzeitig auch die unterschiedlichen Waffengattungen des Protagonisten repräsentieren: Zweihandwaffen, Stab, Schwert und Schild, Beidhändig wie auch Bogen. Das Blutopfer wird zunächst mit einem allgemeinen Statusupgrade wie zum Beispiel mehr Lebenspunkten, einer schnelleren Angriffsgeschwindigkeit oder einem erhöhten Waffenschaden belohnt. Zusätzlich erhält der Held pro Opferung einen Levelaufstieg mit zwei Gabenpunkten, die in die Kampfschule des jeweiligen Schutzpatrons investiert werden dürfen. Neben den bereits erwähnten Kampfkombinationen gibt es auch passive Boni freizuschalten, die dauerhafte Charakterverbesserungen gewähren.

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Die Talentbäume der Kampfschulen haben viele Äste, sodass es zumindest am Anfang sinnvoll ist, sich auf eine Waffengattung zu spezialisieren. Außerdem kann jede Gabe bis zur dritten Ebene verbessert werden, sofern der Opferaltar mit genügend Holz, Eisen und Gold ebenfalls aufgewertet worden ist. Dasselbe gilt übrigens auch für die ortsansässigen Handwerker der Ulfgar. Zu Beginn produzieren diese Helfer noch Schrottware, die kaum die Rohstoffe – Gold, Eisen, Holz – wert ist, aus denen sie besteht. Jeder dahergelaufene Kobold hinterlässt bessere Ausrüstung nach seinem vorzeitigen Ableben. Im Laufe des Abenteuers wandeln sich jedoch die Werkstätten, wenn man genügend Rohstoffe in diese investiert und produzieren anschließend qualitativ hochwertige Ware. Neben Investitionen muss natürlich auch besseres Werkzeug zum Verarbeiten von göttlichem Metall beschafft werden. Praktischerweise führen uns einige Hauptmissionen genau zum Zielort der seltenen Arbeitsgeräte. Der Held muss dann nur noch das Ungetüm erlegen, das sich ungern von seinem Besitz trennen möchte.

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Ein Händler, ein Runenschmied und eine Skaldin, die uns mit praktischen Amuletten versorgt, gesellen sich später ebenfalls zur Dorfgemeinschaft der Ulfgar. Die Produktionsstätten der beiden letztgenannten können auch optimiert werden. Man erkennt hier ein gewisses Schema zur Verlängerung der Spielzeit: Wenn eine bessere Ausrüstung aus Eigenproduktion gewünscht ist, müssen bereits durchgespielte Level erneut nach Unmengen an Rohstoffen durchforstet werden. Da die Umgebung in Vikings – Wolves of Midgard nicht immer wieder neu generiert wird, stellt sich beim sogenannten Grinden (Herkunft vom engl. Wort für Schinderei) schnell die Langeweile ein. Selbst das Drachenboot, mit dem wir zu weiteren Missionen der Hauptgeschichte aufbrechen, muss drei Mal umgebaut werden und natürlich darf der Häuptling alle Materialien dafür besorgen. Wer braucht dann eigentlich noch Dorfbewohner? Naja, bei einigen sehr seltenen Ausnahmen erhält der Protagonist missionsbedingt zwei Kämpen zur Seite gestellt, die jedoch vielmehr Kanonenfutter als eine Hilfe sind.

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Der Mehrspielermodus bietet eine valide Alternative zum Einzelspielermodus, zumindest wenn es um das Erlangen seltener Gegenstände wie auch Steigerung des Blutpools geht. Entweder über das Internet oder lokale Netzwerk kann ein Spieler den anderen in dessen Spielfortschritt unterstützen, dabei aber angesammelte Gegenstände und Blutklumpen mit auf seinen eigenen Spielstand verbuchen. Auch wenn die Level wieder mal genau gleich aussehen, so motiviert die Nähe eines menschlichen Mitstreiters enorm, zusammen Grinden zu gehen. Schließlich sollte man noch erwähnen, dass das Ende der Hauptgeschichte nicht zwangsläufig das Ende des Spiels sein muss. Eine New Game+-Funktion erlaubt es, erneut den Titel durchzuzocken, wobei die Monster passend auf das hohe Heldenniveau angehoben werden. Lediglich die Gegenstände und Rohstoffe gehen vollständig verloren, sodass der Protagonist alles erneut einsammeln muss. Das ist auch sinnvoll, denn die Waffen – auch die seltenen Artefakte wie etwa Mjölnir – haben ebenfalls ein passendes Level und wären mit den Parametern aus dem ersten Durchlauf nutzloser Schrott, mit dem man einen Feind nicht mal ankratzen könnte.

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Nilfheim

Vikings – Wolves of Midgard bietet eine ähnliche Perspektive auf das Spielgeschehen wie etwa Titan Quest oder Diablo III. Die isometrische Ansicht liefert eine gute Übersicht, auch wenn man sich als Bogenschütze gelegentlich eine Möglichkeit zum Herauszoomen gewünscht hätte. Für Kämpfer ist alles ideal und auf Wunsch kann sogar in eine Nahansicht umgeschaltet werden, um beispielsweise das martialische Outfit des Helden oder seine brutalen Kampfattacken zu bewundern. Das Blut fließt im Schlachtengetümmel in Strömen, Gegner werden enthauptet wie auch verstümmelt. Kein Wunder also, dass das Spiel in Deutschland eine Altersbeschränkung von 18 Jahren erhalten hat. Fairerweise muss man aber sagen, dass dadurch die Popularität des Titels eher zu- als abnehmen wird. Die Zockergemeinde ist nämlich schon ganz anderen harten Tobak gewöhnt. Etwas Realismus mit einer scheinbaren Missbilligung durch Behörden hat manchmal eine magisch anziehende Wirkung auf potenzielle Konsumenten.

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Die Levelgestaltung des Spiels ist stark an die nordische Mythologie angelehnt und gibt eine glaubwürdige Vorstellung davon, wie diese Welt aussehen könnte. Die grafische Qualität ist für dieses Genre auf einem vergleichsweise aktuellen Niveau, doch auch ältere Computer könnten damit mithalten. Erfreulicherweise wurde auf allzu übertriebene PhysX- wie auch Ragdoll-Effekte verzichtet, die sonst schnell viele CPUs in die Knie zwingen. Umso schöner sind die Umgebungseffekte geworden. Egal ob ein Schneesturm, ein Blitzregen oder ein Meteorschauer, alles passt gut zum jeweiligen Level. Das letzte i-Tüpfelchen fehlt jedoch, denn es gibt so gut wie keine Zwischensequenzen. Die Hintergrundgeschichte wird auf einem eingeblendeten Papierbogen in Textform und Sprache erzählt.

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Die Soundgestaltung des Spiels ist dafür nahezu perfekt. Ein orchestraler Soundtrack, den es übrigens auch als Extra-Download in der jeweiligen Spieledition gibt, begleitet den Helden auf seinem Rachefeldzug und stimmt den Spieler gekonnt auf jede Situation in der Geschichte ein. Die Synchronsprecher sind sogar noch besser. Selten haben wir – vor allem im Deutschen – eine so gute Umsetzung der Charakter hören dürfen. Das macht wohl schon einen Unterschied, ob ein Spiel das Prädikat Made in Germany verdient hat. Kalypso darf für diese Gründlichkeit in der Synchronisation besonders gelobt werden.

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Fazit

Vikings – Wolves of Midgard ist ein überraschender Titel im Hack’n’Slay-Rollenspiel-Genre. Obwohl er die gleichen Elemente wie Titan Quest oder Diablo III enthält, erschafft die geschickte Kombination derer mit der nordischen Mythologie ein neues, sehenswertes Spiel. Brutale Kämpfe, ein riesiges Arsenal und eine sehr gute Charakterentwicklung lassen die Herzen der Genreliebhaber höher schlagen. Lediglich das immer wiederkehrende Sammeln an Rohstoffen verpasst dem Gesamteindruck einen Dämpfer, da der Spieler praktisch gezwungen wird, dieselben Level immer wieder abzugrasen. Lediglich der Mehrspielermodus erhöht den Widerspielwert bei dieser eintönigen Tätigkeit. Die Gesamtpräsentation des Titels, Grafik wie auch Sound, ist hervorragend und verdient das Prädikat Made in Germany. Einer Kaufempfehlung steht von unserer Seite nichts im Weg.

Positiv

  • Detailreicher Charakterausbau
  • Interessante Hintergrundgeschichte mit Bezug zur nordischen Mythologie
  • Markantes und schönes Grafikdesign

Negativ

  • Keine neu generierten Level
  • Rohstoffe sammeln als künstliche Spielzeitverlängerung
  • Zu wenige besondere Artefakte für die Ausrüstung
85

Geschrieben von: Witali Blum

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Neueste Kommentare

  • Florian Richter Florian Richter: Ja Telltale weiß einfach wie man die Fans der Filme und die der Comics vereinen kann. Die Charaktere sind wirklich gut gelungen und man muss nicht überlegen wen man da auf dem Bildschirm hat.
  • Tim: Habe Guardians im Flugzeug gespielt, davor den 1. Kinofilm gesehen. Die Umstellung im Design der Charaktere ging recht schnell und ist einfach auch richtig gut gemacht.
  • Dominik Probst Dominik Probst: Kann ich schon verstehen. Aber Merchandise ist immer schön anzusehen :D