Project Highrise

Wer einmal davon geträumt hat, seinen persönlichen Wolkenkratzer aus dem Boden zu stampfen, Wohnräume für Mietparteien zu schaffen und sich um die wirtschaftlichen Belange seines Gebäudes zu kümmern, darf mit dem Wirtschaftssimulator „Project Highrise“ seinen Wunsch in die virtuelle Realität umsetzen. Das Spiel, das von dem kalifornischen Entwicklerstudio „SomaSim“ entwickelt wurde und sich als Hommage an das zwei Dekaden alte „Sim Tower“ versteht, ist seit dem 8. September im Steamshop erhältlich. Unser Test verrät, ob sich der Ausflug in die Welt der gläsernen Bürokomplexe lohnt.

Investieren und realisieren

Bevor wir uns ins Geschehen stürzen, stehen wir vor der Auswahl, entweder ein bestimmtes Szenario zu absolvieren oder ein freies Spiel anzufangen. Während wir bei einem Szenario vor vollendete Tatsachen gestellt und zumeist ein bereits bestehendes Gebäude durch vorgegebene Leitlinien aufwerten oder vor dem Ruin retten müssen, bauen wir beim freien Spiel ein leerstehendes Grundstück von Grund auf neu. Dafür wählen wir einen von vier Schwierigkeitsgraden aus, legen einen Namen für unsere Immobilie fest und entscheiden uns für die Größe unseres Grundstücks (normal, schmal, kurz und breit oder extragroß). Nach einer kurzen Ladesequenz steigen wir sodann ins Spiel ein.

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Das Geschehen, welches in einem 2-D-Retro-Grafikstil präsentiert wird, spielt sich in einem Gebäude vor urbaner Umgebung ab, dessen Innenleben via Querschnitt komplett einsehbar ist. Ziel ist es nun, das Haus nach unserem Ermessen zu bewirtschaften und zu vergrößern. Dafür stehen uns zu Beginn ein Erdgeschoss, ein Keller, zwei Arbeiter sowie (im normalen Schwierigkeitsgrad) ein Startkapital von 10.000 Dollar zur Verfügung. Um die Ausmaße unseres Gebäudes zu vergrößern, sind Anbauten und zusätzliche Etagen vonnöten. Dazu ziehen wir mit Hilfe eines Konstruktionsrasters, welches das Grundstück in ein übersichtliches Gitter unterteilt, die gewünschten Mauern über die verfügbaren Plätze. Anschließend verbinden wir zusätzliche Etagen mit Treppen und Aufzügen. Die nötigen Kosten für sämtliche Baumaßnahmen werden direkt von unserem Budget abgezogen.

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Der von uns ausgewählte Bereich verwandelt sich sodann in eine Baustelle, auf der unsere zwei fleißigen Arbeiter Tag und Nacht werkeln und die Räume nacheinander bezugsfertig einrichten. Es ist nun allein uns überlassen, wie wir diese nutzen wollen. Um unsere Investitionen wieder hereinzuholen, sind die freien Räumlichkeiten vor allem als Mietflächen attraktiv. Es bleibt dabei uns überlassen, ob wir sie als Büro-, Wohnungsräume oder Gastronomie-Flächen anbieten möchten. Wir müssen jedoch einrechnen, dass jedes Bauelement eine bestimmte Anzahl von Parzellen in Anspruch nimmt.

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Haben wir eine Auswahl getroffen, sehen wir in einem Fenster die Bewerber samt Mietzahlungen für die Wohnung. Falls sich keine Mieter melden, können wir für einen bestimmten Betrag per Mausklick eine Werbeanzeige schalten, die nach einer gewissen Zeitspanne zusätzliche Bewerber anlocken soll. Jeden Tag um Punkt Mitternacht wird die Miete unserer Bewohner als Tagessatz abgerechnet und unserem Konto gutgeschrieben. Damit kein Unmut entsteht, müssen wir uns, ähnlich wie bei „The Sims“, um die alltäglichen Bedürfnisse unserer Mieter und Arbeiter kümmern. Das ist die Quintessenz von „Project Highrise“, schließlich ist das Geld unserer Bewohner unser täglich Brot.

Kalkulieren und strukturieren

Um zufriedene Mieter zu bekommen, gilt es zunächst, deren Grundbedürfnisse zu gewährleisten. Dazu müssen wir Strom-, Wasser- und Gasleitungen durch das ganze Gebäude ziehen, sodass jede Etage entsprechend versorgt ist. Neben dem Konstruktionsraster steht uns dafür ein Versorgungsraster zu Verfügung, in dem wir genau erkennen können, in welchem Bereich wir die notwendigen Leitungen installieren müssen. Zusätzlich müssen wir sicherstellen, dass genügend Stromversorgungskästen, Wasserzähler, und Abfalltonnen vorhanden sind. Bei stetig wachsender Mieterschar müssen wir diese Versorgungsleistungen, die in verschiedenen Varianten zu unterschiedlichen Preisen erhältlich sind, entsprechend erweitern.

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Haben wir die Grundversorgungen geklärt, müssen wir uns weiterhin um Serviceleistungen kümmern, die innerhalb des Gebäudes ihren Platz finden müssen und je nach Mietpartei sehr unterschiedlich ausfallen: Während ein kleines Versicherungsbüro schon mit einem Stromanschluss sowie einem Kopierservice zufrieden ist, bevorzugen gehobene Anwaltskanzleien zusätzlich einen Telefonanschluss, einen Kurierdienst sowie leichten Zugang zu einem hauseigenen Restaurant. Inhaber eines Apartments dagegen haben es besonders auf eine ruhige Lage innerhalb des Gebäudes abgesehen. Werden die Wünsche der Mieter zu lange missachtet, droht bald der Auszug. Diesen können wir nur dann abwenden, wenn wir die geforderten Maßnahmen zeitnah erfüllen oder eine Mietminderung in Erwägung ziehen. Diese muss jedoch in unsere Finanz-Kalkulation passen, schließlich zehren die Instandhaltungskosten unserer Infrastruktur sowie die immer umfangreicher werdenden Serviceleistungen laufend an unserem Budget.

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Zum Glück können wir neben unseren Mieteinnahmen zusätzlich Geld in unsere Kassen spülen, indem wir diverse Aufträge von der Stadt annehmen. Bei diesen Aufträgen geht es beispielsweise darum, die Bewohner unseres Hauses auf eine bestimmte Anzahl zu erhöhen oder unsere Immobilie durch das Hinzufügen von Dekoelementen wie Pflanzen, Gemälden, Skulpturen und Springbrunnen zu verschönern, welche allesamt in unterschiedlichen Ausführungen und Preisklassen erhältlich sind.

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Durch zufriedene Mieter, abgeschlossene Aufträge und Besucher steigt unser Prestige-Level. Durch höheren Prestige interessieren sich wohlhabendere Mieter für unser Gebäude. Diese haben jedoch gleichzeitig auch höhere Ansprüche an ihr neues Zuhause, die weit über die Grundbedürfnisse hinausgehen. So wollen Bewohner einer Luxuswohnung beispielsweise in der Nähe einer U-Bahn-Haltestelle wohnen, in einem Gourmet-Restaurant essen, welches ein vielfältiges Angebot auf ihrem Speiseplan verzeichnet, sowie spezielle Serviceleistungen wie Catering- oder Fahrzeug-Dienste in Anspruch nehmen. Es gilt die Devise: Je höher unser Gebäude, desto umfangreicher und vielfältiger werden die Ansprüche an den Immobilien-Manager in uns.

Schlichte Oberfläche, komplexer Inhalt

Der 2-D-Retro-Grafikstil von „Project Highrise“ ist eher schlicht gehalten, dafür aber überaus funktional. So führen die satten Farben, die klaren Licht-Schatten-Elemente sowie das simple Artdesign dazu, dass wir größtenteils einen guten Überblick über die Geschehnisse in unserem Gebäude bewahren. Wenn unser Wolkenkratzer allerdings über 40 Etagen fasst, nimmt die Übersicht deutlich ab.

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Die musikalische Untermalung passt sich dem Grafikstil an und sorgt mit locker arrangierten Klaviermelodien für eine unaufgeregte, fast schon meditative Atmosphäre. Ebenso minimalistisch ist die Soundkulisse ausgefallen, die sich nach den Eigenheiten der einzelnen Bauelemente richtet. Je nachdem, welches Objekt wir anklicken, erklingen für kurze Dauer charakteristische Geräusche, beispielsweise das Läuten eines Telefons im Büro, das Blubbern eines Wasseranschlusses sowie die Türklingel einer Apartmentwohnung.

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Die Bedienung von „Project Highrise“ fällt erfreulich leicht und intuitiv aus, sodass sich auch Genre-Neulinge recht zügig ein Bild über die strukturellen wie wirtschaftlichen Möglichkeiten machen können. Dank der übersichtlichen Benutzeroberfläche und den umfassenden Tutorials sollte es keine Stunde dauern, bis das Spielprinzip zum größten Teil verinnerlicht worden ist. Hinzu kommt, dass der Ablauf von „Project Highrise“ sehr geradlinig konzipiert worden ist und sich ausschließlich auf die Verwaltung des Gebäudes konzentriert.

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Diese fällt teilweise sogar zu routiniert aus. Wenn eine bestimmte Mieterpartei erst einmal eingezogen ist, bleiben ihre Forderungen stets dieselben. Sofern wir nicht einen bereits etablierten Dienst einstellen, können wir uns darauf verlassen, dass es zu keinerlei größeren Komplikationen kommt. Dass gewisse Firmen oder Mieter von einem Tag auf den anderen pleite sind beziehungsweise Insolvenz anmelden müssen, sodass sie in Zahlungsnot geraten, kommt in „Project Highrise“ nicht vor. Ebenso wurde auf unvorhersehbare Ereignisse wie Brände, Streiks oder zerstörerische Wetterkapriolen, welche aus den „Sim-City“-Teilen bekannt sind, gänzlich verzichtet. Für Spieler, die neben dem logistischen Aufbau ebenso Wert darauf legen, durch dynamische und überraschende Ereignisse zusätzlich herausgefordert zu werden, könnte der Spielverlauf damit ein Stück weit an Spannung verlieren.

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Fazit

Bei Steam kostet „Project Highrise“ knapp 20 Euro und verfügt über eine Dateigröße von gerade einmal 323 MB. Der nüchtern gehaltene 2-D-Retro-Grafikstil sowie die unauffälligen Dudelmelodien im Hintergrund erinnern eher an vergangene Simulation-Zeiten, denn an Aufbruch und Innovation. Und dennoch zeigt sich wieder einmal, dass es bei einem gelungenen Videospiel nicht unbedingt auf hohe Grafik- wie Soundqualität ankommt, um Spielspaß zu erzeugen. Denn hinter der schlichten Präsentation von „Project Highrise“ verbirgt sich ein komplexes Aufbauspiel, das mit seiner Vielzahl an Interaktions- wie Kontrollmöglichkeiten unerwartet viel Spieltiefe bietet. Mit jedem weiteren Stockwerk und jeder neuen vermieteten Freifläche wachsen die wirtschaftlichen und strukturellen Ansprüche, die die Bewohner des Hauses an uns hegen. Während wir Serviceleistungen erfüllen, Arbeiter durch die einzelnen Stockwerke dirigieren und Wohnraum berechnen, müssen wir gleichzeitig immer unsere Ausgaben wie Einnahmen im Auge behalten, Aufträge erfüllen und Prestige gewinnen.
Das einzige, was sich „Project Highrise“ vorwerfen lassen muss, ist der komplette Verzicht auf überraschende Ereignisse, die den sehr geradlinigen Spielverlauf ein Stück weit aufgelockert und Spannung generiert hätten.
So ist „Project Highrise“ ein Titel geworden, der uns aufgrund des routiniert ablaufenden Geschehens zwar nicht auf Dauer bei der Stange hält, sich aber hervorragend dafür eignet, um nach langen Arbeitstagen immer mal wieder hineinzuschauen und entspannt die eigenen, wirtschaftlichen Fähigkeiten zu erproben.

Positiv

  • Schlichtes, liebevolles Artdesign
  • Komplexe Gestaltungsvielfalt
  • Leichte Bedienung
  • Unaufdringliche Soundkulisse

Negativ

  • Keine dynamischen Ereignisse
  • KI der Arbeiter nicht immer optimal
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Daniel Kohlstadt

Geschrieben von: Daniel Kohlstadt

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Neueste Kommentare

  • BASSTRO: Passiert zufällig und ist nicht zu verhindern außer du belebst ihn wieder
  • Christian: Lässt noch nicht viele Schlüsse zu, aber eine leere, etwas heruntergekommene Stadt mit deutlichen Zeichen der Verwüstung... Das spricht vielleicht für ein Zombie-Setting oder ähnliches. Kann ich mir aber auf der anderen Seite nicht vorstellen, da das Thema mit Metro, H1Z1 Just Survive, The Division & Co. schon ziemlich ausgelutscht ist. Denkbar wäre auch ein Post-Apokalyptisches-Szenario wie in der Fallout-Reihe. Das wären allerdings ziemlich große Fußstapfen. Aber vielleicht überrascht Bandai auch mit einer ganz neuen Idee? Verlassene Städte haben ja erstmal immer einen gewissen Reiz und bieten viel Raum für Geschichten und laden zum erkunden ein. Ich bin gespannt.
  • BASSTRO: Hallo Was bedeutet transparenter Held automatischer klicke?