Orwell: Einmal so mächtig wie die NSA sein

Das Indie-Game „Orwell“ des noch unbekannten Entwicklers „Osmotic Studios“ teilt seinen Titelnamen nicht umsonst mit einem berühmten Schriftsteller, der für seine finstere, dystopische Zukunftsszenarien bekannt ist. Lesen Sie im folgenden Testbericht, warum „große Brüder“ nicht immer was mit Familie zu tun haben und Hacker auch nur Menschen sind, die sich irren können.


In einem unbekannten Land…

In einem scheinbar perfekten Land, dessen Wohlstand und Sicherheit durch totale Überwachung gesichert werden, geschieht das Unmögliche: vor den ewig wachenden, elektronischen Augen wird ein Denkmal in die Luft gejagt und kein Täter kann durch die Kameraaufnahmen identifiziert werden. Ein Bekennerschreiben wird am Tatort gefunden, das die Politik der regierenden „Partei“ zu Lasten der Meinungsfreiheit kritisiert. Die Regierung lässt diesen Affront nicht auf sich sitzen, zumal es Todesopfer bei dem Anschlag gegeben hat, und räumt einer geheimen Einheit umfassende Rechte ein, um den Täter zu ermitteln, ohne sich um Kleinigkeiten wie Datenschutz oder Persönlichkeitsrechte kümmern zu müssen.

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Der Spieler übernimmt die Rolle eines Datenanalysten in der Organisation „Orwell“, der sämtliche verfügbare Informationsquellen nach verwertbaren Hinweisen auf die Terroristen sichten soll. Dabei sind ihm so gut wie keine rechtlichen Grenzen gesetzt. Onlinematerial, Emails, Telefongespräche oder Chats können beliebig passwortfrei nach Datenstückchen durchforstet werden, die ein Täterprofil komplettieren. Dabei muss der Spieler entscheiden, welche Informationen relevant sind, beziehungsweise welche widersprüchlichen Hinweise ignoriert oder verifiziert werden sollten. Die totale Überwachung aus dem Roman „1984“ von George Orwell wird mit den heutigen Mitteln in „Orwell“ umgesetzt.

Praktisch läuft das Spiel so ab, dass man zunächst einen Hauptverdächtigen vorgesetzt bekommt und dessen Profil komplettiert, indem man aus Texten Satzschnipsel oder aus verschiedenen Bildquellen Bilddateien darauf mit der Maus zieht. Ein Mentor begleitet den Neuling noch bei seinen ersten Schritten, erklärt ihm die allgemeine Arbeitsweise und kommentiert fortan seine Datenauswahl. Obwohl sinnlose Informationen sofort als solche kritisiert werden, gibt es nach dem aktuellen Stand der Spielentwicklung noch keine strafenden Konsequenzen für Fehlgriffe bei der Datenauswertung.

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Im weiteren Spielverlauf entdeckt man Informationsverzweigungen zu anderen Personen, die als Verdächtige ebenfalls gründlich überprüft werden müssen. Die Datensuche wird immer weiter vorangetrieben und natürlich immer komplexer, je größer der Kreis der mutmaßlichen Täter wird. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass die Spielmechanik – Datenschnipsel auf ein Profil ziehen – immer wieder gleich bleibt. Darunter leidet natürlich die Langzeitmotivation des Titels, die nur durch unerwartete Wendungen in der Hintergrundgeschichte erzeugt werden kann. Diese Momente gibt es zum Glück selbst in der aktuellen Beta-Version, die erst zwei kurze Episoden enthält und damit den ersten beiden Arbeitstagen der eigenen Spielfigur entspricht.

Ansichten und Aussichten

Ein abschließendes Urteil darüber, ob der Titel seinen Besitzer lange in den Bann ziehen wird, kann hier nicht getroffen werden, weil das Spiel offensichtlich noch immer in der Entwicklung ist. Der kurze Eindruck war ambivalent. Letztendlich wird die Hintergrundgeschichte entscheiden, ob „Orwell“ ein Erfolg wird, denn die Grafik sowie Soundkulisse sind eher bescheiden.

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Es gibt so gut wie keine Animationen, weil der Spieler ständig lange Textpassagen auf Webseiten und ähnlichen Quellen lesen muss. Selbst mitgeschnittene Telefongespräche werden in schriftlicher Form dargestellt. Aufnahmen der angeblich zahlreich platzierten Kameras sucht man vergeblich, auch wenn diese laut der Story keine Beweise liefern. Die Charaktere werden mittels Fotografien in Vektorgrafikqualität dargestellt. Der optische Umfang ist derart spartanisch, dass man „Orwell“ als eine Website hätte programmieren können. Umso verwunderlicher sind die vergleichsweise langen Ladezeiten zwischen den Episoden – und das von einer SSD-Festplatte!

Ebenso gibt es keine nennenswerten Soundeffekte, außer den Browser-typischen Warnsignalen, wenn beispielsweise eine neue Information im Orwell-System verfügbar ist. Die Hintergrundmusik macht ihrer Bezeichnung alle Ehre und hält sich diffus im Hintergrund. Eine Sprachausgabe gibt es nicht. Darüber hinaus ist das Spiel nur auf Englisch verfügbar. Der textlastige Inhalt von „Orwell“ erfordert somit einen guten Kenntnisstand dieser Sprache.

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Fazit

Die Idee, wie vormals Edward Snowden bei der NSA das WorldWideWeb nach Terroristen zu durchforsten, liefert eine gute Vorlage für ein Spiel, das nur mit seiner Hintergrundgeschichte zu begeistern weiß. Dabei erkennt man immer wieder den Konflikt zwischen dem Recht auf Privatsphäre und der öffentlichen Sicherheit, die manchmal nicht miteinander vereinbart sind. Sehr gut dargestellt ist auch die Tatsache, dass es keine objektive Datenerfassung geben kann, solange Menschen die erhaltenen Informationen gewichten. So wird in den Medien aus manchem Unschuldslamm ein gefährlicher Psychopath gemacht, weil jemand erfahren hat, dass diese Person Psychopharmaka nimmt. Die grafische und akustische Präsentation von „Orwell“ ist derart sparsam, dass der Titel womöglich auf einem langsamen Tablet laufen könnte, sofern die letzten Bugs, wie etwa ein leerer Startbildschirm, und lange Ladezeiten endlich beseitigt werden würden. Schließlich erhoffe ich mir, dass die weiteren Episoden deutlich länger werden, als sie es bisher sind, denn die ersten beiden hatte ich zusammen in einer halben Stunde durch.

Positiv

  • Spannende Hintergrundgeschichte
  • Spiel regt an, nachzudenken
  • Aktuelles politisches Thema

Negativ

  • Sehr simple Präsentation
  • Kurze Spielzeit
  • Kein Wiederspielwert
65

Geschrieben von: Witali Blum

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