HTC Vive

Die Vive verspricht dem Käufer ein Abtauchen in eine virtuelle Spielwelt – Immersion pur. Lohnt sich ein Kauf zum aktuellen Zeitpunkt und wo liegen derzeit die technischen Schwächen? Das Mighty Games Mag ist für euch diesen Fragen nachgegangen.

 HTC Vive 1

Vive ist nicht gleich Vive

Ein sehr verwirrendes Detail für potenzielle Kunden ist oftmals die folgende Tatsache. Die Vive wird seit ihrer Veröffentlichung stetig verbessert, besitzt aber keine offensichtliche Versionsnummer. Es ist daher äußerst sinnvoll, vor dem Kauf zu erfragen, um welches Model es sich handelt. Sollte der Verkäufer keine Ahnung haben, empfiehlt es sich woanders zu kaufen. Aktuell hilft noch ein visueller Check, denn die neue Verpackung der aktuellsten Revision verfügt nun über einen Tragegriff, dieser fehlt bei älteren Modellen.

 

Star Trek Bridge Crew Vive

Star Trek Bridge Crew Vive


Motion Sickness

Ein oftmals unterschätztes Problem ist die sogenannte Motion Sickness (engl. für Bewegungskrankheit, Kinetose). Dabei reagiert der Körper darauf, dass das Bild der Augen, die Rückmeldung des Gleichgewichtssinns und die tatsächliche Position des Körpers nicht übereinstimmen. Die Folge ist ein schnell anwachsendes Schwindelgefühl bis zum Erbrechen. Dieses Problem ist natürlich nicht VR-Exklusiv, einige Menschen haben diese Probleme auch bei Ego-Shootern und Rennspielen auf normalen Monitoren. Man sollte also nach Möglichkeit im Vorfeld die Gelegenheit nutzen und eine VR-Brille beim Fachhändler, Gamescom, Messen etc. ausprobieren.

 HTC Vive 4

Aufbau und Einrichten

Beim Öffnen der Verpackung wird der Kunde regelrecht erschlagen. Viele Teile versprechen eine recht komplizierte und langwierige Montage und dazu eine schwere Einrichtung. Weit gefehlt! Der Aufbau und die Einrichtung sind in der Tat kinderleicht und benötigen zwischen 20 und 40 Minuten, je nach Internetverbindung und Montageart. Der Packung liegt eine Übersicht der vorhandenen und benötigten Teile sowie ein Quickstart Guide bei. Letzterer verweist auf eine Internetseite, dort erklären Videos den kompletten Vorgang.

Wir haben das Ganze für euch kurz zusammengefasst. Zuerst die Grafikkarte, mit dem mitgelieferten Kabeln, mit dem PC und der Vive verbinden. Software herunterladen. Die Lighthouses, das sind diese kleinen Signalboxen, montieren. Software-Einrichtung starten, Roomscale kalibrieren und fertig. Klingt doch einfach oder? In der Tat ist die einzige Hürde die Befestigung der kleinen Quader. Falls man sie fest in die Wand verschraubt, so wird je nach Wandmaterial auch ein Bohrer benötigt.

Vive roomscale

Es geht aber auch einfacher, denn die Boxen müssen sich lediglich schräg gegenüberliegen und es darf nichts dazwischen die Sicht versperren. Das bedeutet man kann sie auch auf Regale und Schränke stellen. Für Roomscale-Anwendungen wird zwingend ein Platz von 1,5 m mal 2 m benötigt, andernfalls kann die Software nicht gestartet werden.

Ein wichtiger Hinweis für das Tragen der Vive. Sie muss wirklich exakt sitzen, da sonst alle Texte und Grafiken unscharf wirken. Dafür muss man unbedingt den Augenabstand IPD einstellen. Außerdem lässt sich zusätzlich die Entfernung zur Linse einstellen. Keine Sorge, mit etwas Übung findet man den Punkt bei der zweiten Verwendung bereits kinderleicht.

HTC Vive 5

Der Herr der Fliegen

Wirklich brachial überrascht der starke Fliegengitter- oder Screen Door Effect. Für ein Produkt im Jahre 2017 erscheint er definitiv nicht angemessen und viel zu Stark. Definitiv der wichtigste Verbesserungspunkt für zukünftige VR-Systeme. Wer einen gängigen 27“ Monitor aus diesem Jahrzehnt sein Eigen nennt, begeht hier einen immensen Rückschritt und ist im ersten Augenblick versucht, die Vive direkt zurückzuschicken. Je simpler und unrealistischer die Spiele sind, desto weniger kommt der Effekt zum Tragen. Je feiner und reicher an Texturen die dargestellte Umgebung ist, desto mehr fällt das Fliegengitter auf. Demgegenüber steht die virtuelle Realität, eine Welt, die den Spieler sofort fesselt und in seinen Bann zu ziehen vermag.

Nach ein paar Wochen Spielzeit lautet unser Fazit, dass der Screen Door Effect sehr lästig ist, aber die Immersion überwiegt und es einfach unglaublich spaßig ist, Spiele mit der VR Brille zu erleben. Auch hier empfiehlt es sich, das Gerät vorab zu testen, damit man weiß, worauf man sich genau einlässt.

HTC Vive uebersicht

 

Mehr Leistung – mehr Power

Eines ist die HTC Vive sicherlich nicht – genügsam. Eine 980ti schlummerte in unserem ersten Testsystem und konnte zunächst alle Techdemos und VR Spiele ohne Probleme befeuern. Drehen wir die Grafik auf, hantieren mit Supersampling und Programmen wie VorpX, so verlangt der Pixelgott aber letztendlich nach großen Opfern. In Project Cars sollte mindestens eine Nvidia GeForce 1070 das System antreiben und unser Testsystem kam mit einer 1080ti bei maximalen Details sowie Supersampling mit Faktor 2 dennoch sehr ins Schwitzen – bei lediglich einer FullHD Auflösung. Dafür sieht die Grafik dann aber nochmals um einiges besser aus, trotz des starken Fliegengittereffekts, aber die allgemeine Schärfe nimmt zu und der Pixelgenuss wird deutlich angehoben. Schönheit hat in diesem Fall wortwörtlich ihren Preis.

Vive - Consumer Version

Vive – Consumer Version

In jedem Fall sollte man vor dem Kauf einer HTC Vive den Systemcheck in Steam starten. Sollte dieser Test positiv für euer System ausfallen, dann laufen zumindest die Standardanwendungen. Sollte das Ergebnis negativ ausfallen, sollte man vom Kauf absehen. Es ist schließlich nicht sinnvoll weit über 700€ für eine sehr überteuerte Hardware auszugeben, ohne sie danach auch richtig nutzen zu können. Wer das VR-Erlebnis zunächst einmal ausprobieren möchte, der sollte sich bei diversen Elektronikfachmärkten umschauen. Hier gibt es oftmals die Möglichkeit eine HTC Vive zu mieten. Dies ist nicht ganz billig und schlägt mit ca. 50€ für kurze Zeit zu Buche, aber danach weiß man definitiv, ob sich weitere 700€ lohnen.

valkyrie_vive_release

Der Preis/Nutzenfaktor

Lohnt sich der Kauf einer HTC Vive. Diese Frage stellen sich unweigerlich die meisten Leser dieses Artikels. Die Frage ist schwer zu beantworten. Zum einen halten sich Valve und HTC bewusst sehr bedeckt, wenn es darum geht das Nachfolgermodell anzukündigen. Ein wichtiger Faktor bei einem so teuren Abenteuer ist natürlich aber die Frage, wie lange dieses Produkt aktuell ist und ab wann es sich lohnt auf einen Nachfolger zu warten. Aktuell gibt es keine Ankündigung, von daher kann diese Frage nur vage beantwortet werden. Die andere Frage ist die der Unterstützung. Gibt es exklusive Spiele für die HTC Vive, lassen sich aktuelle Spiele damit spielen, wie sieht es mit der allgemeinen Kompatibilität mit Oculus Rift-Titeln aus.

Glücklicherweise lassen sich diese Fragen sehr gut beantworten. Es gibt in der Tat einige Spiele die nur für VR-Geräte erscheinen. Prominente Vertreter sind hier das neu erschienene Star Trek: Bridge Crew und Eve Valkyrie (Achtung, es erscheint eine Version ohne VR-Zwang). Ohne angeschlossene Brille lassen sich diese Titel nicht starten. Die Vive wird aktuell von mehr Titeln unterstützt als die etwas günstigere Oculus Rift und in der Regel lassen sich alle Spiele der Rift auch auf der Vive genießen.

Viele Spiele unterstützen eine VR-Brille von Haus aus. Zum Beispiel Project Cars 2 oder Race Room Racing Experience. Starway Fleet bietet grandiose Weltraum-Action und Superhot VR ein komplett neues Spielgefühl im Vergleich zur Nicht-VR-Version. Auch für Fallout ist gerade eine VR-Unterstützung in den Startlöchern. Man kann diese Spiele ohne Probleme in der virtuellen Realität starten und erhält eine fantastische Immersion. Es gibt also sehr viele Spiele, die mit der Vive noch deutlich besser werden.

An sich sind 700€ mit dem Ausblick auf bessere Hardware in den nächsten Jahren ein Wort. Gefühlt hat das gesamte Equipment einen Wert von 400€. Der Restbetrag verursacht ein flaues Gefühl im Magen, ganz ohne Motion Sickness. Aber wir sprechen hier ja von Emotionen, die man nicht greifen kann. Weder die grandiose Immersion in Spielen, noch der gefühlt zu hohe Preis. Eine Empfehlung können wir daher nicht bedenkenlos aussprechen. Wer das Geld beisammen hat und sich auf das Abenteuer einlässt, betritt aber definitiv eine andere Dimension und ist gefühlt ein Pionier. Diejenigen, die warten, bekommen irgendwann für vermutlich weniger Geld bessere Hardware, verzichten dafür aber evtl. noch jahrelang auf dieses Gefühl und den Spaß der virtuellen Realität.

Project Cars 2 Vive

Project Cars 2 Vive

Zusatzsoftware

Für alle anderen Spiele benötigt man Zusatzprogramme wie VorpX. Diese Programme ermöglichen den Einsatz der Vive in einer vom Hersteller nicht unbedingt dafür vorgesehen Spieleumgebung. Mit der Brille kann dann zum Beispiel in Rennspielen, Ego-Shootern und Simulationen das Headtracking erfasst werden und bietet da im Prinzip die gleiche Erfahrung wie in beispielsweise Project Cars 2. Die Zusatzprogramme verfügen vordefinierte Profile für das jeweilige Lieblingsspiel, vor dem Kauf sollte man sich also zunächst informieren, ob dieses auch unterstützt wird. Einen Support vom Hersteller des Spiels gibt es natürlich nicht, die Community um den Software-Hersteller ist allerdings sehr bemüht und hilfsbereit.

Superhot VR Vive

Superhot VR Vive

Gewicht und Alltagseinsatz

Das Gewicht der Vive ist überraschenderweise überhaupt nicht störend. Auch bei unseren längsten Einsätzen auf dem Nürburgring in Project Cars 2 bei knapp 3h Spielzeit oder in Star Trek: Bridge Crew mit ca. 2h Spielzeit am Stück wurde das Gewicht nicht als störend empfunden. Auch Druckstellen hielten sich in Grenzen. Dabei haben wir nicht die mitgelieferten InEar-Kopfhörer verwendet, sondern auf ein Sennheiser265 Gaming 3D Headset zurückgegriffen. Dieses konnten wir bequem über die Vive aufsetzen, ohne Einbußen im Komfort. Natürlich besitzt die Vive ein relativ gutes Mikro und auch die mitgelieferten Kopfhörer sind in Ordnung, aber warum sollte man auf seine gewohnte Hardware verzichten?

Starway Fleet Vive

Starway Fleet Vive

Die beiden Vive-Controller liegen gut in der Hand und auch bei regelmäßigem Einsatz halten die Batterien etwa eine Woche. Danach werden sie per mitgeliefertem USB-Kabel am PC aufgeladen. Sollte man die Vive an einem anderen Ort aufbauen, oder aus Versehen die Position der Sensorboxen verändert haben, so ist ein neuer Raum in unter einer Minute eingerichtet.

Die Kabel vom Headset sind nicht störend und wir haben uns eigentlich nie das Kabel selbst um die Füße gewickelt. Nach Gebrauch ist alles schnell verstaut, sodass man auch Kurzeinsätze wagen kann, da quasi kaum Zeit für den Aufbau oder die Kalibrierung aufgewendet werden muss.

Filme haben wir in der Vive nur zu Testzwecken angeschaut. Sowohl im 180 als auch im 360 Grad Modus. Der Grund dafür ist, dass es einfach kaum Inhalte gibt. Die wenigen 360 Video sind eher Technikdemos, und normale 2D-Filme schauen sich am Fernseher oder Monitor ohne Brille dann doch entspannter. Ein Industriezweig, der Filme mit wenig Handlung und dafür viel nackter Haut anfertigt, entdeckt allerdings gerade dieses neue Feld für sich.

Auch die weniger hochwertigen Spiele schaffen es immer wieder in die Playlist, da sie einfach richtig Spaß machen- quasi wie Partyspiele für Kinect oder PS Move. Hauptsächlich kamen also richtige AAA-Spiele mit VR-Unterstützung zum Einsatz. Diese Spiele wurden nicht extra für VR programiert und so entfällt meistens die Bewegung im Raum und das Greifen mit den Kontrollern, die bessere Grafik, Handlung und Gameplay fesselten uns auf Dauer aber einfach nachhaltiger. Vor dem Kauf also unbedingt überprüfen, welche Spiele der eigenen Bibliothek VR bereits unterstützen.

Fallout 4 vive

Fazit

Der hohe Anschaffungspreis ist sicherlich eine Abschreckung. Technisch gesehen ist die Vive noch nicht ganz ausgereift. Das Fliegengitter ist in vielen Spielen sehr störend und es gibt keine gute Hilfen um die Schärfe richtig einzustellen. Davon abgesehen bietet die Vive ein völlig neues Spielerlebnis, schafft ein grandioses Mittendrinngefühl. Spielt man danach dasselbe Spiel ohne die VR-Brille, so kommt es einem sehr eingeschränkt und unvollständig vor. Es gibt eine große Liste an Gelegenheitsspielen die das volle Potenzial der Virtuellen Realität aufzeigen und einige hervorragende Top-Titel für das kleine, private Holodeck in den eigenen vier Wänden. Beim Kauf muss man sich also im Klaren darüber sein, dass man ein technisch überteuertes Produkt erwirbt, es in einigen Monaten oder Jahren vermutlich einen wesentlich besseren Nachfolger gibt, aber man bis dahin nie zuvor erreichte Immersion in der Spielwelt erhält. Wer damit leben kann, sollte schnell zugreifen. Für ordentliche Grafikpower empfehlen wir eine Nvidia GeForce der neuesten Generation, ab 1070 GTX aufwärts machen auch AAA-Titel mit Supersampling richtig Spaß. Preislich wird hier ohnehin sicher die gleiche Zielgruppe angesprochen.

 

Tim-Oliver Siegwart

Geschrieben von: Tim-Oliver Siegwart

Seit bereits über 30 Jahren Gamer mit Leib und Seele. Bei den Mightys quasi der Experte für Rennsimulationen und First Person Shooter.

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Neueste Kommentare

  • Tim-Oliver Siegwart Tim-Oliver Siegwart: Black Flag hat mich von der Story her nicht packen können, hatte mir mehr erwartet und das Gameplay war damals einfach nichts für mich. Ist ja aber immer so, wenn in/an einer Serie was geändert wird, gibt es immer unterschiedliche Meinungen.
  • Daniel Walter Daniel: Ich war immer ein Fan der alten Herangehensweise und vermisse es daher im neuen Teil ein wenig. Trotzdem ist Origins wirklich gut, auch wenn es nicht an meine Favoriten AC 2 und AC Black Flag heranreicht.
  • Tim-Oliver Siegwart Tim-Oliver Siegwart: Die Neuausrichtung gefällt mir sehr gut. Die Architektur ist wunderschön und die Story gut gemacht. Auch die vielen Nebenquests und jetzt mit Level 40 die Community Events sind super. Das ewige geklettere und Dauerblocken aus den Vorgängern war einfach idiotisch, finde das jetzt überzeugender.