Deus Ex: Human Revolution

„Deus Ex: Human Revolution“ ist endlich erschienen. Bereits im Jahr 2007 verkündete Eidos Montreal stolz, dass sie am Nachfolger zu „Deus Ex“ arbeiten, und verzückten die anwesende Presse mit einem Trailer, der Großes erwarten ließ. Die Story beginnt 25 Jahre vor dem ersten Teil, was den Entwicklern zwar große Freiheiten ermöglichte, aber auch die Gefahr barg, das ganze Prequel in den Sand zu setzen. Game Director Jean-Francois Dugas ist sich dieser großen Verantwortung bewusst und weiß, dass jeder Spielabschnitt von der eingefleischten Fan-Basis zerlegt und analysiert werden wird. Treffender könnten seine Worte zu diesem Projekt, „we must not fuck it up“ daher nicht sein. Damit sowohl die angeblich komplexe und tiefgründige Story, als auch das umfangreiche Gameplay auf Herz und kybernetische Teile geprüft werden können, schickt das Mighty Games Mag gleich zwei, zumindest zu Beginn der Schreibarbeiten nicht augmentierte, Tester ins fiktive Detroit im Jahr 2027. Das Ergebnis unseres Kreuzverhörs lesen Sie hier auf Mightygamesmag.de

Wie alles begann

„Deus Ex“ erschien im Jahr 2000 und spielt in einer nahen Cyberpunk-Zukunft anno 2052. Die Menschheit hat tiefe Eingriffe in ihre eigene Evolution vorgenommen und sich mithilfe der Nano-Technologie physisch weit verbessert. Das Spiel greift hier viele Themen des Transhumanismus, hierbei handelt es sich eine Veränderung der menschlichen Spezies durch technische Implantate – auch Augmentierungen genannt, auf und lässt dem Spieler die Kontrolle über die Handlung. Entscheidungen wirken sich spürbar auf die Entwicklung der Story-Line aus. Eine Mischung aus Verschwörungstheorien, Fakten und fiktiven Ereignissen prägten die durchweg gelungene Geschichte. Mit der Zeit wurde klar, dass eine Untergrundorganisation die Weltherrschaft an sich reißen wollte und der Held musste dies verhindern. In „Deus Ex: Human Revolution“ finden sich viele versteckte Hinweise auf die kommenden Ereignisse.

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Der Spieler konnte sich zudem erstmals entscheiden, ob er mit roher Waffengewalt oder durch subtileres Vorgehen, wie Manipulation von Protagonisten oder durch das Hacken von Computern, sein Ziel erreichen mochte. Für ein Computer-Spiel ungewöhnlich, beinhaltete es viele detaillierte, wissenschaftliche Hintergrundinformationen und viel im Spiel lesbare Literatur zur Nanotechnologie. Ein Punkt, den auch „Deus Ex: Human Revolution“ wieder aufgreift und sich dafür extra von externen Experten auf diesem Gebiet beraten ließ.

„Deus Ex: Invisible War“ wurde 2003 veröffentlicht. Es spielt 20 Jahre nach den Geschehnissen von „Deus Ex“ im Jahr 2072. Es hat sich einiges in der Welt verändert. Regierungen gibt es schon lange nicht mehr. Die Macht liegt nun bei konkurrierenden Organisationen. Als eine Bombe Chicago in Schutt und Asche gelegt hat, beginnt die Suche nach den Drahtziehern, deren Machenschaften auch die Eltern des Protagonisten zum Opfer gefallen sind. Erneut waren Verschwörungen und Intrigen ein großer Bestandteil der Handlung. Das Spielprinzip wurde allerdings deutlich vereinfacht und der Fokus lag mehr auf der geradlinigen Action. Der zweite Teil der Serie ist bei Fans daher äußert umstritten und konnte nicht an den bahnbrechenden Erfolg von „Deus Ex“ anknüpfen.

Von daher sind die eingangs erwähnten Befürchtungen nicht aus der Luft gegriffen und den Druck der vielen weltweiten Fans auf Eidos Montreal spürte man offensichtlich sogar in der Chefetage. Wenn selbst der General Manager von Eidos Montreal, Stephane D´Astous, wie um sich selbst zu beruhigen, in Interviews immer wieder betont, wie nah man bei der Entwicklung mit den Fans in Verbindung stand und wie die Fachpresse von den ersten Trailern, Einblicken und der Atmosphäre begeistert war.

Was genau macht den Menschen aus

„Deus Ex: Human Revolution“ spielt 2027, 25 Jahre vor den Ereignissen in „Deus Ex“, erneut in einer Cyberpunk-Umgebung. Michael McCann, der Komponist und somit Verantwortliche für die Musik, spricht sogar von einer Cyber-Renaissance. In der Tat trifft er vom Spielgefühl her genau den Nagel auf den Kopf. Bereits im 2007 veröffentlichten Trailer spielen die Entwickler sehr mit Bildern und Grafiken aus dem 15. Jahrhundert und schlagen damit eine sehr gelungene inhaltliche Brücke, die Renaissance gilt schließlich als Aufbruch der Wissenschaft. Tabus werden gebrochen und der Mensch beginnt, sich selbst zu erforschen. Das Gleiche geschieht im fiktiven Jahr 2027. Der Mensch beginnt erneut, feste Regeln zu brechen und Transhumanismus ist ein großes Thema, das die Gesellschaft wie einst nach dem Mittelalter spaltet. Menschen lassen sich augmentieren, eine Technologie, eine Gesellschaft im Aufbruch zu einer neuen Evolutionsstufe.

Das Spiel stellt hierbei direkt die Frage in den Raum, wie weit die Wissenschaft gehen darf. Damit greift „Deus Ex: Human Revolution“ auch direkt aktuelle Themen aus unserer Zeit und die damit verbundenen Zukunftsängste auf. Mit Augmentierungen, in diesem Fall handelt es sich um Beinprothesen, qualifizierte sich vor Kurzem der Leichtathlet Oscar Pistorius als erster Behinderter für die Leichtathletik-WM und löste damit eine weitreichende Debatte aus. Was wird von der Gesellschaft akzeptiert und was nicht? Wie fühlen sich die betroffenen Menschen? Auch auf diese Frage versucht das Spiel einzugehen. Adam Jensen, einen passenderen Namen als Adam, den Urvater, konnte man sicherlich nicht finden, wurde schwer verletzt und konnte nur durch Notoperationen und Augmentierungen überleben. In der Gesellschaft im fiktiven Detroit 2027 stößt er dabei auch auf viel Ablehnung und Verachtung. Er selbst wollte nie diese Verbesserungen, man operierte ihn ungefragt und nun muss er mit dieser Technologie in sich leben. Schlimmer noch, er, beziehungsweise der Spieler, muss abwägen, wie praktisch noch weitere Verbesserungen wären.

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Es gibt einen ganzen Industriezweig, der diese anbietet. Adam Jensen selbst arbeitet für einen dieser Konzerne als Sicherheitschef. Weitere Verbesserungen machen ihn leistungsfähiger und viele Unternehmen bevorzugen diese augmentierten Bewerber. Ein anderer Teil der Gesellschaft kämpft gegen die sich anbahnenden Veränderungen und ist strikter Gegner des Transhumanismus, wenn es sein muss auch mit Gewalt. Es gibt auch Menschen, die wahrlich süchtig nach neuen Augmentierungen sind und jeden Cent in weitere Körperverbesserungen stecken. Abhängig von den notwendigen Folgemedikamenten, verstricken sich viele in illegale Machenschaften oder Prostitution, um an die finanziellen Mittel zu gelangen, da ihnen ohne die Behandlung der Symptome sogar der Tod droht. Die Gesellschaft gabelt sich hier auch in diejenigen, die sich die Verbesserungen leisten können und jene, die dazu nicht in der Lage sind. Noch ist alles im Aufbruch und die Nanotechnologie aus „Deus Ex: Invisible War“ steckt noch in den Kinderschuhen. Aber die Wissenschaft und die Technologie entwickeln sich rasant. So beginnt ein Trailer im Vorfeld auch passend in eben jener Zeit der Renaissance mit einem Menschen auf dem Seziertisch, ähnlich wie man es von Zeichnungen des genialen Michelangelos kennt.

Doch dieser Mensch hat künstliche, mechanische Arme, es handelt sich um Adam Jensen, der den Fortschritt verkörpert. Langsam erhebt er sich mit Ikarus-Flügeln in die Höhe und fliegt der Sonne entgegen. Wir alle kennen die Geschichte von Ikarus und verstehen den mahnenden Finger in Richtung der Wissenschaft und den schmalen Grat, auf dem die Menschheit wandelt, die Gefahr, nicht zu wissen, wann man zu hoch fliegt. Oft wird die philosophische Frage gestellt, was einen Menschen ausmacht. Diese Stimmung greift das Spiel hervorragend auf, verwickelt den Spieler in Intrigen, Verschwörungen und Selbstzweifel. Die eingangs von Game Director Jean-Francois Dugas getätigte Aussage bezüglich der komplexen Story kann man voll und ganz stützen.

Sicherheitschef bei Sarif Industries

Mary De Marle, Lead Writer bei Eidos Montreal, nimmt es bereits vorweg. Das Gute an einem Prequel ist, dass man die Vorgänger nicht gespielt haben muss, um sich in der Story zurechtzufinden. Somit finden auch absolute Neueinsteiger sofort den Draht zur Story. Der Protagonist in „Deus Ex: Human Revolution“ ist Adam Jensen. Kurz vor dem eigentlichen Beginn der Handlung wurde er als SWAT-Mitglied aus dem Polizeidienst entlassen. Sein letzter Auftrag endete in einem Massaker und man schob ihm die Schuld in die Schuhe. Megan Reed, die Leiterin der Forschungsabteilung von Sarif Industries, schlug ihn kurz darauf als neuen Sicherheitschef vor. Sarif Industries ist der Marktführer auf dem Gebiet der Augmentierungen und unterhält dabei auch einige streng geheime Projekte für das Militär. Obwohl Adam Jensen einige Vorbehalte gegenüber der Technologie hegt, sagt er aufgrund seiner derzeit schlechten Reputation bei anderen Unternehmen dennoch zu. Megan Reed steht kurz davor, bahnbrechende Forschungsergebnisse vorzustellen und beginnt zudem eine Beziehung zu Adam Jensen. Jeder Schritt von Sarif Industries wird dabei von einer nicht genannten geheimen Organisation heimlich ausspioniert.

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Kurz vor der wichtigen Tagung in Washington wird in der Forschungseinrichtung von Sarif Industries der Taifun, ein geheimes und sehr lukratives Militärprojekt, von dem unter anderem finanziell sehr viel für Sarif Industries abhängen wird, erfolgreich getestet. Während im Büro von Firmengründer David Sarif die letzten Details für Washington geklärt werden, ertönt der Alarm. Zunächst ist noch unklar, ob es sich dabei nur um einen Unfall in den Laboren handelt. Adams Jensen macht sich sofort auf den Weg und schnell wird klar, dass es sich um einen bewaffneten Terror-Anschlag handelt. Das gesamte anwesende wissenschaftliche Personal wird von Profikillern getötet. Adam erreicht Megan zwar in letzter Sekunde, wird aber, aufgrund seiner körperlichen Unterlegenheit, von einem augmentierten Attentäter zunächst schwer verwundet und muss zusehen, wie seine Freundin niedergeschlagen wird. Danach baut sich der Eindringling vor dem am Boden liegen Sicherheitschef auf und will ihn mit einem Schuss in den Kopf hinrichten.

Die Forschungseinrichtung wird niedergebrannt und nur eine praktischerweise einstürzende Mauer verhindert, dass auch der mit dem Tod ringende Adam Jensen den Flammen zum Opfer fällt. Kurz darauf wird er, mehr tot als lebendig, von den Ärzten mehreren lang andauernden Notoperationen unterzogen. Sein verletztes Gewebe, die zertrümmerten und schwer verbrannten Gliedmaßen müssen durch Augmentierungen ersetzt werden. Sein Überleben hängt am seidenen Faden und bis zuletzt wissen die Ärzte nicht, ob er die schweren Verletzungen überstehen wird. Sechs Monate später wird er von David Sarif aus dem Krankenstand in den aktiven Dienst zurückgerufen. Eine bewaffnete Aktivistengruppe, die sich Pro Humanity nennt, ist in eine Fertigungsanlage von Sarif Industries eingedrungen und hat Geiseln genommen. Das SWAT-Team steht zwar bereit, um die Anlage zu stürmen, doch es gibt ein prekäres Detail an der Geschichte. An diesem Abend sollte der Taifun, das erwähnte geheime Militärprojekt, in dieser Anlage in die Produktion gehen.

Es ist unklar, ob der Anschlag ein unglücklicher Zufall oder eine geplante Aktion darstellt. Jedenfalls muss in der Anlage aufgeräumt werden, bevor das geheime Material an die Öffentlichkeit gerät. Daher greift David Sarif auf seinen besten Mann zurück, der noch vor dem Eingreifen der Polizei den Taifun und die Geiseln sichern und nach Hintergründen für den Anschlag suchen soll. Adam Jensen macht sich nun auf die Suche nach Beweisen, Hintergründen und vor allem nach Antworten auf die Fragen zu seinem eigenen Schicksal. Er ist zudem fest entschlossen herauszufinden, was hinter dem Anschlag sechs Monate zuvor wirklich steckt. Während seiner nächsten Aufträge verstrickt sich Adam Jensen immer mehr in eine konspirative Geschichte, in der er selbst manchmal nicht mehr weiß, auf welcher Seite er steht. Es wird dabei stets die Grenze ausgelotet, wie böse einer der Guten sein darf und wie weit er gehen kann, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Ist man überhaupt selbst schon für die Wahrheit bereit?

Wie spielt es sich mit Augmentierungen

Es gibt drei verschiedene Schwierigkeitsgrade, wobei der leichteste dazu gedacht ist, einfach die Story zu genießen und ohne große Hindernisse im Spiel voranzuschreiten. Eine clevere Entscheidung, da hiermit auch unerfahrene Spieler ohne Frustration dem Plot folgen können. „Deus Ex: Human Revolution“ vereint mehrere Genres in einem einzigen Spiel und überlässt es ganz dem Spieler, seine eigenen Schwerpunkte zu setzen. Zum einen kann man ganz im Stile eines klassischen Ego-Shooters vorgehen und seine Gegner der Reihe nach mehr oder weniger auffällig ausschalten und beweisen, was man aus mehreren Rambo-Filmen gelernt hat. Wer diesen Weg einschlägt, wird sich für offensive Augmentierungen entscheiden, die die Kraft und Widerstandsfähigkeit von Adam Jensen erhöhen und ihn zu einem würdigen Terminator aufrüsten. Wer subtiler vorgehen möchte, wird sich für Stealth-Augmentierungen entscheiden, diese verringern Geräusche beim Laufen und können im späteren Spielverlauf den Protagonisten sogar komplett tarnen. Mit diesen Eigenschaften ist es ein Leichtes, versteckt und lautlos nach alternativen Wegen Ausschau zu halten.

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Als Beispiel kann man in „Deus Ex: Human Revolution“ nicht nur durch die Vordertür in ein Gebäude eindringen, es gibt immer auch einen Weg über die Kanalisation oder über Lüftungsschächte. Für das lautlose, unentdeckte Vorgehen werden mehr Erfahrungspunkte auf dem Konto gutgeschrieben. Mit diesen Punkten können im weiteren Verlauf neue und leistungsfähigere Augmentierungen erworben werden. Das Prinzip, erworbene Erfahrungspunkte in verschiedene Fähigkeiten zu investieren, ist von Rollenspielen bekannt. Eine weitere Möglichkeit ist das Hacken von Terminals und Türsicherungen. Sind diese Fähigkeiten stark ausgebildet und die entsprechenden technischen Aufwertungen implantiert, lässt sich schnell ein weiterer alternativer Zugang finden. Überwachungskameras auszuschalten und Sicherheitssysteme wie Geschütztürme umzuprogrammieren gehört ebenfalls zum Repertoire.

Der Spieler ist auf keinen festen Weg angewiesen, sondern kann sich ganz gezielt seinen eigenen Cocktail an Augmentierungen zusammenstellen. Natürlich kann er sich auch gegen diese Technologien wehren und seinen Körper so belassen, wie er ist. Die Augmentierungen erleichtern das Vorgehen allerdings immens, sodass man der Versuchung natürlich allzu schnell erliegt. Aber bedenkt man die der Spielfigur eigentlich zugrunde liegende Abneigung gegen diese Art des Fortschrittes, kann man natürlich auch diesen Pfad wählen und soweit als möglich die Aufgaben ohne Hightech lösen. Für welche Spielweise man sich auch immer entschieden hat, es wird immer Passagen geben, in denen man schleichen wird, sich Zugang mit Waffengewalt verschafft oder einen Computer hacken muss. Für das Hacken haben sich die Entwickler von Eidos Montreal außerdem etwas Besonderes einfallen lassen. In „Deus Ex: Human Revolution“ wird nicht einfach ein Statusbalken angezeigt, der den aktuellen Fortschritt des Hackens darstellt, der ganze Vorgang wird in einer Art Minispiel dargestellt. Hier ist die Aufgabe, Verzeichnisse und Systemordner zu übernehmen, bevor die Software das Eindringen feststellt und Gegenmaßnahmen einläutet.

Auch hierfür gibt es spezielle Augmentierungen. Da es für jedes erfolgreiche Hacken Punkte und Belohnungen in Form von Geld und Hack-Hilfsmitteln gibt, empfiehlt es sich, bei jeder sich bietenden Gelegenheit Computer und dergleichen zu knacken. Auf der Playstation 3 und der Xbox 360 ist der Vorgang etwas kniffliger als auf dem PC mit der Maussteuerung. Ein weiteres Rollenspiel-Element ist das Inventar. Auf einem Gitterraster lassen sich eingesammelte Waffen, Munition, Lebensmittel und technische Spielereien unterbringen. Ist das Inventar voll, muss man Platz schaffen und Dinge bei einem Händler verkaufen oder einfach fallen lassen. Es gibt für Jäger und Sammler unter den Spielern auch Augmentierungen, die das kleine Inventarfeld vergrößern. Man sollte immer darauf achten, dass zur mitgeführten Waffe auch die entsprechende Munition vorhanden ist. Für Nachschub sorgen sowohl tote oder bewusstlose Gegner als auch zwielichtige Waffenhändler in verborgenen Gassen. Sämtliche Handfeuerwaffen können mit Optimierungen wie Schalldämpfern und Zielsystemen aufgewertet werden. In Aktion arbeitet sich der Spieler dann von Deckung zu Deckung vor, um vor gegnerischen Geschossen und Blicken geschützt zu sein.

Im Nahkampf gibt es zwei Optionen, den Gegner niederzuschlagen und somit betäuben oder ihn niederzustechen. Will Roselini, der externe Berater von Eidos Montreal, führt an, dass der menschliche Arm über sieben Freiheitsgrade verfüge und ein augmentierter Arm nicht von dieser Limitierung beeinträchtigt sei und somit gut 20 bis 30 Freiheitsgrade besäße. Dies eröffnet tatsächlich auch im Spiel ganz neue Nahkampftechniken, sofern die technologischen Verbesserungen auch implantiert sind, sodass mehrere Gegner gleichzeitig schnell und lautlos außer Gefecht gesetzt werden können. Mit verstärkter Kraft können auch dafür vorgesehene Mauern eingerissen werden. Wie in den Trailern zu sehen, kann das Ganze auch als Nahkampftaktik gegen einen hinter der Wand stehenden Gegner eingesetzt werden. Der Spieler sieht bei solchen Aktionen und wenn man in Deckung geht, Adam Jensen aus der dritten Perspektive.

Jonathan Simard ist der Lead Animator bei Eidos Montreal und meint dazu, dass die Entscheidung, den Protagonisten auch in der dritten- und nicht nur aus der Ego-Perspektive zu zeigen, den Spieler eine bessere Beziehung zur Spielfigur aufbauen lasse als ohne dieses Feature. Ansonsten sei nur die Waffe der Star des Spiels. Diese Aussage kann man nur unterstützen, denn dadurch sieht man auch die ganzen Augmentierungen und fühlt sich viel mehr in das Geschehen eingebunden. Einen großen Teil nehmen die Dialoge mit anderen Personen in „Deus Ex: Human Revolution“ ein. Wie bei Rollenspielen üblich kann aus einer Multiple-Choice-Liste ausgewählt werden. Man sollte sich die Antwort aber immer genau überlegen, da sie das Spielgeschehen beeinflussen wird. So können Leute dazu gebracht werden, Adam zu helfen oder er verärgert sie durch das Gesagte. Es bleibt dem Spieler stets überlassen, wie er sich verhält und damit die Story vorantreibt. Tötet oder reizt man jemanden, so kann man sich im weiteren Spielverlauf keine Hilfe von ihm erhoffen.

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Die Dialoge basieren allerdings nicht auf dem Stein-Schere-Papier-Prinzip, wie in einer realen Unterhaltung kann man, zumindest nicht ohne entsprechende Augmentierungen, nicht erahnen, wie das Gegenüber darauf reagieren wird. Somit ist auf alle Fälle auch ein hoher Wiederspielwert gegeben, denn beim nächsten Spiel kann man sich völlig anders entscheiden und seine Spielfigur anders formen. Als roter Faden fungiert die Hauptstory, in dieser stellt Adam Jenson für Sarif Industries Nachforschungen an und schützt die Firma vor den Schergen der Konkurrenz, sie leitet den Spieler durch die verschiedenen Städte und Umgebungen. Auf dieser Reise ergeben sich immer wieder Nebenmissionen, wie zum Beispiel einen korrupten Detektiv unschädlich machen oder bestimmte Personen befreien. Nimmt man diese an, taucht man immer weiter in die sehr komplexe Story von „Deus Ex: Human Revolution“ ein. Wer alle E-Mails und PDAs liest, erhält eine unglaubliche Vielfalt an Informationen. Alles, was jemals gelesen wurde, kann jederzeit eingesehen werden.

Sollte man zum Beispiel auf einem PDA das Passwort für einen Computer gelesen haben, kann man nachschlagen, falls es nicht direkt beim Hacken angezeigt wird. Sollte man das Schicksal eines vorzeitigen Ablebens erleiden, so gibt es praktischerweise zwei Autosaves, das aktuelle und das vorherige. Damit wird vermieden, dass man sich bereits in einer ausweglosen Situation befindet, wenn man neu lädt. Mittlerweile ist es seit dem zweiten Patch nun möglich, über 20 eigene Speicherstände anzulegen. Für alle Funktionen gibt es ein Tutorial, damit auch ungeübte Spieler schnell ins Spiel finden. Diese werden praktischerweise immer dann in Form eines Videoclips eingeblendet, wenn diese Fertigkeit zum ersten Mal genutzt werden kann oder sollte. Im Hauptmenü sind später zudem alle Tutorials jederzeit abrufbar.

Wie sieht die Zukunft aus

Die Grafik von „Deus Ex: Human Revolution“ setzt zwar sicherlich keine neuen Maßstäbe auf diesem Sektor, kann aber, wie man anhand der Screenshots sehen kann, durchaus noch in der Oberklasse mitspielen. Dieser Umstand ist sicherlich der deutlich schlechteren Konsolen-Hardware geschuldet. Jonathan Jacques-Belletete, der Art Director, meint, es sei nicht wichtig jede Hautpore abzubilden, denn wenn die Texturen stimmen, aber die Bewegungsanimationen nicht, wirke es unrealistisch. Deshalb hat man besonders auf diese Bewegungsanimationen Wert gelegt und in der Tat sehen die Bewegungen der Figur im Spiel fast schon täuschend echt aus. Wenn man einmal auf hohem Niveau meckern kann, sollte man das auch tun. Es wäre wirklich noch schicker gewesen, wenn jede Hautpore dargestellt würde und außerdem noch die Bewegungsanimationen auf demselben hohen Niveau wären. Die Umgebungen wirken allesamt sehr detailliert dargestellt und, was sehr wichtig ist, sie wirken auch echt.

Das bedeutet, dass Büros und Forschungslabors auch zweckmäßig eingerichtet sind, mit einem realistischen Grad an Unordnung und Individualität. Dadurch und durch die schönen Lichtbrechungen wirken die Räume und Außenbereiche von „Deus Ex: Human Revolution“ sehr lebendig und benutzt. Die Architektur ist im Grunde wie in der heutigen Zeit, nur mit viel mehr Technologie angereichert. Bei den vielen Dialogen kommt die bereits angesprochene Bewegungsanimation wieder voll zur Geltung. Anhand der Mimik, zwar etwas steif und verbesserungsfähig, kann man gut die, durchaus auch versteckten, Reaktionen der Gegenüber erkennen. Somit haben die Entwickler hier offensichtlich die Schwerpunkte richtig verteilt. Durch die Darstellung wird der Spieler förmlich in die Atmosphäre und die Story hineingezogen. Kleinere Grafikfehler, wie zum Beispiel Waffen, die durch eine Tür erscheinen, obwohl die Wache noch vor der geschlossenen steht, sind sehr selten. Die Fahrzeuge am Straßenrand sehen auch aus, als hätte man vergessen, ihnen noch eine schicke Textur zu verpassen. Die vielen Zwischensequenzen sind nachgerendert, unglaublich detailreich bis zu den Bartstoppeln und erzeugen ein wahrhaft cineastisches Gefühl.

Bei solchen Bildern wird die Frage laut, wann denn nun ein Film zum Spiel erscheinen wird. Für sehr hohe Auflösungen bei DirectX 11 sollte im Übrigen auch eine leistungsfähige Grafikkarte unter der Haube stecken. Wem eine dies noch nicht genug ist, kann in einen besonderen Genuss kommen. Das Spiel nutzt eine modifizierte Version der Crystal Engine von Crystal Dynamics, die es erlaubt, das Spielerlebnis auch in stereoskopischem 3D wiederzugeben. Bei der PS3- und Xbox 360-Version muss der Spieler ohne die DirectX-11-Effekte sowie hin und wieder auch mit ausgefransten Schattenrändern leben. Generell ist die Grafik auf dem PC natürlich deutlich besser.


Cyberpunk für die Ohren

Für die Komposition des Soundtracks hat sich Michael McCann einige Gedanken gemacht. Er wollte sich bei der Musik am Verlauf der Story orientieren, also den menschlichen Körper nehmen und dann optimieren. Alle akustischen Musikinstrumente wurden dazu entweder elektronisch erzeugt oder zumindest manipuliert. Der Großteil der Musik sollte so virtuell wie nur möglich sein und dennoch den Eindruck von Klassik in einer sehr modernen Umwelt verbreiten. Dieses Vorhaben kann man auf der ganzen Linie als gelungen bezeichnen. „Deus Ex: Human Revolution“ wirkt vor allem durch diesen bombastischen Soundtrack, der etwas an die Filmmusik der Titel „Tron“ und „Blade Runner“ erinnert, beeindruckend auf den Spieler ein. Es ist hier wirklich gelungen, die Atmosphäre des Spiels in Noten einzufangen. Auf der Bonus DVD der Limited Edition findet sich dieser Soundtrack, falls man sich nicht satthören kann. Auch die Soundeffekte sind bombastisch, sehr klar und scharf ausgefallen.

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Die Explosionen hämmern sehr mächtig aus den Boxen und die Waffen klingen überzeugend. Die deutsche Sprachausgabe ist überdurchschnittlich gut und glänzt mit hervorragenden Sprechern, die ihrer Spielfigur Leben und Emotionen einhauchen. Was leider nicht zur hohen Qualität des Gesamtpaketes passt, ist die absolut miserable Synchronisation, denn hier stimmen die Lippenbewegungen sehr häufig überhaupt nicht mit dem Gesprochenen überein. Trotz der Unzahl der Dialoge kann man dafür nur minimales Verständnis aufbringen, denn gerade zur zuvor angesprochenen Mimik gehört eine passende Synchronisation. Hier hat sich das Entwicklerteam Luft nach oben gelassen. Die deutsche Übersetzung ist im Großen und Ganzen gelungen, entfernt sich mancher Orts allerdings vom englischen Original. So wird ein „Son of a bitch“ doch mal zum vergleichsweise übel übersetzten, uncoolen „Saftsack“.

Externe Augmentierung

„Deus Ex: Human Revolution“ bietet plattformübergreifend eine Vielzahl von Steuerungsmöglichkeiten. Am PC bietet sich natürlich die bewährte Steuerung mit Tastatur und Maus an. Für die Tastatur ist eine Standard-WASD-Belegung vorgesehen, eine freie Zuweisung der Tasten ist aber ohne Probleme möglich. Besitzer von Gaming-Tastaturen wie zum Beispiel die G19 oder G15 müssen allerdings ohne ihre Sondertasten auskommen, ob dies in einem späteren Patch nachgeliefert wird, ist unklar. Am PC kann aber auch mit einem Controller gespielt werden, die Steuerung unterscheidet sich dann nicht von der Xbox 360- oder der Playstation 3-Version. Allerdings sind einige Aktionen, darunter das Hacken, dann auch wesentlich kniffliger als mithilfe der Maus. Die Konsolen verfügen im Gegensatz zum Computer auch nicht über einen Ziffernblock, mit dessen Hilfe sich Tür-Codes sekundenschnell eingeben lassen. Somit macht es daher wenig Sinn, die gute PC-Steuerung gegen eine ungenauere zu tauschen.

Diese Sekunden können schließlich buchstäblich über Leben und Tod von Adam Jensen entscheiden. Bei der Belegung des Controllers finden sich die üblichen Einstellungen von Konsolenspielen, aber auch hier darf der Spieler selbst entscheiden, welche Aktion er mit welchem Knopf belegen möchte. Ein Ringmenü ermöglicht den schnellen Zugriff auf wichtige Gegenstände und Waffen. Wer auf der Xbox 360 oder Playstation 3 spielt, kann sich zudem gemütlich zurücklehnen und die Story genießen. Käufer der PC-Version können sich dafür auf mehr Komfort in Menüs und einfacheres Hacken freuen.

Wissenswertes

„Deus Ex: Human Revolution“ verlangt nach einem aktiven Steam-Account. Das Spiel ist dann auf diesem Account eingetragen und kann nicht wiederverkauft oder übertragen werden. Das hat zumindest den Vorteil, dass Updates automatisch vorgenommen werden. Außerdem gibt es einige, Trophies genannte, Errungenschaften während des Spielens für besonderes Vorgehen, wie zum Beispiel das Ausschalten von 50 Gegnern im Nahkampf oder das Meistern von „Deus Ex“, ohne einen Gegner getötet zu haben. Natürlich erhöht das sehr deutlich den Wiederspielwert und erzeugt einen weiteren Ansporn, Aufgaben auf die auf eine spezielle Art und Weise zu erfüllen. All dies kann man beim Spielstart im Steam-Account einsehen. In der von uns getesteten Limited Edition gibt es noch einige zusätzliche Inhalte. Es gibt die Mission „Tongs Rettung“, außerdem werden beim Start automatisch 10.000 Credits auf dem Konto gutgeschrieben. Ebenso dabei ist eine Schrotflinte, Scharfschützengewehr, Sprengsatz, automatisches Entriegelungs-Tool und ein Granatwerfer. Diese Boni erleichtern den Einstieg etwas, sind aber nicht zwingend notwendig. Sehr schön ist auch das beigelegte, 40 Seiten umfassende Artbook mit Design- und Konzeptzeichnungen.

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Auf der Bonus-DVD finden sich neben dem angesprochenen Soundtrack auch ein 44-minütiges Making-of, ein animiertes Storyboard, sämtliche bisher veröffentlichten Trailer und ein animierter Comic zur Geschichte. Das Handbuch kann direkt über Steam als PDF aufgerufen werden. Wer tiefer in die Story und die medizinischen Hintergründe abtauchen möchte, der sollte sich die offizielle Seite (www.sarfindustries.com) zu Gemüte führen. Hier finden sich neben vielen Erklärungen auch weitere Trailer zu Augmentierungen von Sarif Industries.

Fazit:

Ich kann Jean-Francois Dugas beruhigen, die Mission „We must not fuck it up“ ist ein durchschlagender Erfolg geworden. Das schwere Erbe wurde würdig angetreten. Ich habe schon seit Jahren kein so fesselndes Spiel mehr erlebt. Man merkt an jeder Szene, wie viel Herzblut die Entwickler in dieses Projekt gesteckt haben. Die ganze Thematik mit Augmentierungen, dem Transhumanismus, wird großartig in Szene gesetzt und subtil hinterfragt. Die Spielmechanik, die vielen Lösungswege und Entscheidungsfreiheit sind wirklich Weltklasse. Die Mischung aus Ego-Shooter und Rollenspiel ist, wie bereits in „Deus Ex“, sehr ausgewogen und bietet beiden Fan-Lagern enormen Spielspaß. Zudem habe ich schon lange kein Spiel mehr gespielt, in dem mich die Story so gefesselt hat und das Spielziel auch definitiv das Erleben der Geschichte ist. Aufgrund der vielen Antwortmöglichkeiten werde ich „Deus Ex: Human Revolution“ mehrmals durchspielen, damit ich verschiedene Entscheidungen treffen kann und erlebe, wie sich die Geschichte mit ihnen verändert. Einzig die schlechte Synchronisation ist zu bemängeln, dafür ist der Soundtrack bombastisch gut geworden. Ich wiederhole mich gerne, Weltklasse. Ein Muss für jeden Shooter-Fan, ein Juwel für jeden SciFi-Liebhaber und gepaart mit den Rollenspielelementen ist hier eigentlich für jeden etwas dabei. Ich denke, wir haben hier im Hinblick auf Story und Gameplay das beste Spiel dieses Jahres. Absolute Kaufempfehlung. Eine weitere Erkenntnis: Sollte ich jemals einen Todesstern oder eine geheime Forschungseinrichtung bauen, dann verzichte ich definitiv auf Lüftungsschächte! (Tim-Oliver Siegwart)

Positiv

  • Geniale Story
  • Hoher Wiederspielwert
  • Alternative Enden
  • Gutes Gameplay, Klasse Sound

Negativ

  • Schleichen oft unnötig
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Tim-Oliver Siegwart

Geschrieben von: Tim-Oliver Siegwart

Seit bereits über 30 Jahren Gamer mit Leib und Seele. Bei den Mightys quasi der Experte für Rennsimulationen und Shooter. In der Gamesbranche tätig, dabei unter anderem als Producer, PR-Manager, Localization Manager, QA Lead und Submission Manager bei mehreren Entwicklerstudios und Publishern.

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  • Florian Richter Florian Richter: Ja Telltale weiß einfach wie man die Fans der Filme und die der Comics vereinen kann. Die Charaktere sind wirklich gut gelungen und man muss nicht überlegen wen man da auf dem Bildschirm hat.
  • Tim: Habe Guardians im Flugzeug gespielt, davor den 1. Kinofilm gesehen. Die Umstellung im Design der Charaktere ging recht schnell und ist einfach auch richtig gut gemacht.
  • Dominik Probst Dominik Probst: Kann ich schon verstehen. Aber Merchandise ist immer schön anzusehen :D